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Titelthema: Einfach gut drauf
ZWEITE AUSGABE 2003 
Wolf-Rüdiger Klare:
Diabetes mellitus Typ 2: Eine Bewegungsmangelkrankheit
Die Initiativgruppe Diabetes und Sport e.V. stellt sich vor
Unser genetischer Code, seit nunmehr 40.000 Jahren relativ unverändert programmiert, hat sich über Millionen von Jahren als optimal für das (Über-)Leben als Jäger und Sammler herausgebildet.
Das waren Lebensbedingungen, unter denen täglich Strecken zwischen zehn und zwanzig Kilometern zurückgelegt werden mussten, um den Lebensunterhalt zu sichern. Da der Erfolg bei der Nahrungsbeschaffung nicht garantiert war, musste der Organismus auch darauf eingerichtet sein, Hungerperioden zu überstehen. Diese Zeiten sind vorbei. Dank der Errungenschaften des Industriezeitalters reichen heute im Schnitt 300 bis 700 Meter ”Laufstrecke” und es herrscht in den Ländern der westlichen Welt ein unübersehbares Nahrungsüberangebot.
Überforderung des Organismus Auf dieses Missverhältnis aus Kalorienzufuhr und Kalorienverbrauch ist unser Organismus aber überhaupt nicht vorbereitet. Diese ”Energie-Mast” hat weitreichende Auswirkungen auf den Energiestoffwechsel, die Ausschüttung von Stresshormonen und das Gerinnungssystem. Rund 60 Prozent der Deutschen gelten heute als übergewichtig und bereits bei den Kindern bis 16 Jahren schätzt man den Anteil auf 20 Prozent. TypischeBewegungsmangelkrankheiten wie Diabetes mellitus sind die Folge.
Was früher als ”Altersdiabetes” bezeichnet wurde, trifft heute immer jüngere Menschen. Selbst im Kindes- und Jugendalter soll Typ 2-Diabetes inzwischen häufiger sein als Typ 1-Diabetes! Dabei ist der erhöhte Blutzucker in der Regel nur ein Bestandteil des so genannten ”metabolischen Syndroms”; meist liegen zusätzlich Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck vor. Diese Kombination von Risikofaktoren erklärt, warum Menschen mit Typ 2-Diabetes besonders häufig einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleiden. Ihre Lebenserwartung ist statistisch um mehrere Jahre verkürzt.
Körperlich aktive Diabetiker leben länger Natürlich will niemand zurück in die Steinzeit, aber wir müssen uns mehr bewegen! Wir wissen aus großen Studien, dass durch einen aktiven Lebensstil mit regelmäßiger moderater Bewegung auch bei vorhandener genetischer Belastung die Manifestation eines Diabetes verhindert werden kann. Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 können durch regelmäßige Bewegung nicht nur ihre Blutzuckerwerte verbessern, sondern auch die anderen Risikofaktoren günstig beeinflussen. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass körperlich aktive Diabetiker länger leben.
Die Weltgesundheitsorganistation (WHO) schätzt, dass sich höchstens 20 Prozent der Deutschen ausreichend bewegen. Sport und bewegungsbetonte Freizeitaktivitäten sind aber die wichtigste und effektivste Gesundheitsmaßnahme. Ganz besonderes gilt das für Menschen mit Typ 2-Diabetes.
Die günstigen Einflüsse von Sport und Bewegung auf die Gesundheit gelten natürlich auch für Menschen mit Typ 1-Diabetes. Wer auf eine Insulintherapie angewiesen ist, muss aber die Anpassung dieser Therapie an solche Aktivitäten erlernt haben. Entsprechende Schulungs- und Trainingsangebote sind notwendig.
Die Initiativgruppe Diabetes und Sport Die Zeit war mehr als reif für die Gründung der Initiativgruppe Diabetes und Sport. Auf dem Vorsymposium im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) im Mai 2000 in München fanden sich engagierte Diabetologen, Diabetesberaterinnen und -assistentinnen, Bewegungstherapeuten und Sportpädagogen zur Gründung zusammen. Sie legten folgende Ziele fest:
- eine größere Zahl von Betroffenen in Bewegung zu bringen,
- Ärzte zu motivieren, ihren Patienten den Zugang zu regelmäßiger körperlicher Bewegung zu ermöglichen und ihnen Bewegungsangebote zu vermitteln,
- Hilfe bei der Umsetzung in den therapeutischen Alltag zu geben,
- Ausbildung von Übungsleitern für Diabetes-Reha-Sportgruppen bundesweit zu fördern und einheitliche Standards zu gewährleisten,
- die bestehenden Diabetes-Sportgruppen und Bewegungsinitiativen zu vernetzen,
- Handlungsleitlinien bezüglich Sport und Diabetes flächendeckend in die Schulung von Typ 1-Diabetikern zu implementieren.
Dieses Vorsymposium als auch zahlreiche Aktivitäten im Vorfeld des Projektes wurden von LifeScan unterstützt. Inzwischen hat sich die Initiativgruppe zu einem eingetragenen gemeinnützigen Verein entwickelt und ist als offizielle Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) anerkannt.
Paradigmenwechsel in der Diabetestherapie Die Initiativgruppe steht vor großen Aufgaben. Schließlich geht es um einen Paradigmenwechsel in der Diabetesbehandlung. Es stellt sich schlicht die Frage, ob die Aussage aus den nationalen Versorgungsleitlinien zur Behandlung des Typ 2-Diabetes ”Diabetiker sollten lebenslang zu mindestens moderater körperlicher Aktivität angehalten werden” nur als unverbindliche Floskel zu Kenntnis genommen wird. Oder ob diese Äußerung als Auftrag gesehen wird, die bisherige Praxis zu überdenken und nachhaltig zu verändern.
In der ärztlichen Beratung und in der Diabetikerschulung wird meist sehr intensiv über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer Ernährungsumstellung gesprochen. Alle Schulungsprogramme verwenden mehrere Unterrichtseinheiten auf dieses Thema. Dass Menschen mit Typ 2-Diabetes wirklich zu mehr Bewegung angehalten werden können, glauben erst wenige. Es gibt aber auch ein großes Informationsdefizit darüber, welche Formen und welches Ausmaß von Bewegung sinnvoll sind. Insbesondere bei vielen Ärzten ist darüber hinaus die Ansicht verbreitet, die meist übergewichtigen Patienten seien eingefleischte Bewegungsmuffel und alle wohl gemeinten Ratschläge seien vergebene Liebesmüh.
Schon der tägliche Spaziergang ist effektiv Dabei ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen, dass Herzkreislauf-Gesundheit nicht nur durch intensive Ausdauerprogramme erzielt werden kann. Gleich gute Effekte lassen sich auch erreichen, wenn körperliche Aktivitäten regelmäßig und konsequent in den Alltag integriert werden. Tägliches Spazierengehen, Einkäufe zu Fuß oder mit dem Fahrrad, Verzicht auf Rolltreppe und Aufzug sind genauso effektiv. Ob ein so gearteter aktiver Lebensstil begonnen und vor allem beibehalten wird, hängt aber entscheidend von regelmäßiger Motivation und Unterstützung durch den behandelnden Arzt und seine Mitarbeiter ab. Also müssen zuerst hier Informationsdefizite und Vorurteile durch wissenschaftliche Kongresse, Fortbildungsveranstaltungen und Praxisseminare beseitigt und Begeisterung für das Therapieprinzip Bewegung geweckt werden. Dies ist eine der Aufgaben, die sich die Initiativgruppe Diabetes und Sport gestellt hat.
Vernetzung von Schulung und Bewegungsangeboten Eine ebenso wichtige Aufgabe ist die Schaffung von Strukturen, die es ermöglichen, die theoretischen Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Was nützt es, wenn der Arzt seinem Patienten überzeugend darlegt, wie wichtig regelmäßige Bewegung für seine Gesundheit ist, aber die Umsetzung in die Praxis nicht gelingt? Er muss ihm ein wohnortnahes Angebot nennen können. Die Diabetes-Rehasportgruppe ist ein solches Angebot, das allerdings bisher erst etwa 0,5% der Diabetiker zur Verfügung steht. Deshalb wurden in den letzten drei Jahren in Bayern und Baden-Württemberg zusammen mit den jeweiligen Landesbehindertensportverbänden zahlreiche Übungsleiterseminare durchgeführt und der Aufbau der Diabetes-Rehasportgruppen vorangetrieben. Ziel ist es, in jeder Stadt min-destens eine solche Gruppe zu haben. Da gibt es noch viel zu tun.
Rolle der Diabetikerschulung Wenn sich aber wirklich flächendeckend etwas ändern soll, dann muss der entscheidende Impuls zu mehr Bewegung bereits in der Diabetikerschulung gesetzt werden. Deswegen wurde jetzt zusammen mit dem Berufsverband der Beratungsberufe (VDBD) eine gemeinsame Arbeitsgruppe gebildet, um ein Bewegungsmodul für die Schulung zu erarbeiten, das Theorie und Praxis verbindet.
Durch Austesten und Erfahren der eigenen Körperwahrnehmung, beispielsweise in Form eines gemeinsamen, zügigen Spaziergangs mit einer informierenden Feedback-Gesprächsrunde, soll ein erster ”Bewegungsanstoß” gesetzt werden, das Thema ”dauerhafte moderate Aktivität” in den Alltag des Patienten zu tragen. Noch während der Schulung sollen Kontakte zu qualifizierten Bewegungseinrichtungen im Umfeld des Patienten hergestellt werden. Das können die schon erwähnten Diabetes-Rehasportgruppen, aber auch Walkingtreffs oder andere Gesundheitssport-Angebote sein. Die jeweiligen lokalen Angebote müssen aber dem Schulungspersonal bekannt sein. Also müssen Kontakte zu in Frage kommenden Anbietern hergestellt und entsprechende Adressen zugänglich gemacht werden.
Nach Abschluss dieser Vorarbeiten sollen bundesweit Referenten geschult und dann im Schneeballsystem Ärzte und Schulungskräfte ausgebildet werden.
Kontakt Verband der Diabetes Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. Initiativgruppe Diabetes und Sport
1. Vorsitzender: Dr. Peter Zimmer, Klinikum Ingolstadt, 2. Medizinische Klinik, Krumenauerstr. 25, 85049 Ingolstadt
2. Vorsitzender: Dr. Wolf-Rüdiger Klare, Diabeteszentrum Radolfzell, Hausherrenstr.12, 78315 Radolfzell
Schatzmeister: Birger Tornuß, Diabeteszentrum Mergentheim, Th.-Klotzbücher-Str. 12, 97980 Bad Mergentheim
Schriftführer: Dr. Peter Borchert, Weidenau 1a, 86316 Friedberg
Beisitzer: Ulrike Thurm, Heidenfeldstr. 10, 10249 Berlin
Geschäftsstelle: Th.-Klotzbücher-Straße 12, 97980 Bad Mergentheim, Telefon 07931/594127, Fax 07931/594 89 127 E-Mail Sport@diabetes-zentrum.de
ZWEITE AUSGABE 2003 
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