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Titelthema: Einfach gut drauf
ZWEITE AUSGABE 2003 
Die
täglichen Aufgaben sind vielfältig – im Privatleben wie auch
im beruflichen Umfeld. Dabei haben Menschen mit Diabetes eine zusätzliche
Herausforderung zu managen. Vieles spielt sich im Kopf ab: mit der entsprechenden
Einstellung und etwas Planung lassen sich diese Aufgaben durchaus bewerkstelligen.
Nach dem Motto: Diabetes bestimmt nicht mein Leben, sondern ich bestimme meinen
Diabetes.
Lars Berger:
Ich bin der Manager meines Diabetes
Er ist immer bei Dir, näher als Dein bester Freund. Du merkst meist nicht
viel von ihm. Er drängt sich selten auf. Und doch ist er da. Und manchmal
taucht er dann ganz unerwartet auf, wie aus dem Nichts, und alles dreht sich
nur noch um ihn …
Mit Diabetes zu leben ist in unserer Gesellschaft heute meist kein Problem.
Ich bin 33 Jahre alt, beruflich eingespannt, reise viel, treibe Sport. Ich genieße
es, alleine im Morgengrauen einen Berg zu besteigen. Cabrio zu fahren. Mit Freunden
Party zu feiern. Mit anderen Worten: ein ganz normales Leben zu führen,
wie es für einen Diabetiker vor, sagen wir 20 Jahren, noch nicht unbedingt
möglich war.
Fortschritt
erleichtert den Alltag
Dabei ist Diabetes (noch?) nicht heilbar, ähnlich wie Asthma, Tinnitus
oder andere, weit verbreitete Erkrankungen. Aber die Behandlungsmethoden und
Hilfsmittel haben in jüngster Zeit einen großen Fortschritt erlebt.
Nur ein paar beliebige Beispiele: Mit den neuen Analog-Insulinen lassen sich
Blutzuckerspitzen einfacher vermeiden, auch ohne strikten Diätplan. Die
heutigen Messgeräte passen wirklich auch in das kleinste Gepäck. Die
Krankenkassen stellen viel weniger Fragen über die Notwendigkeit der vielen
Teststreifen, dafür bieten sie vermehrt selbst Schulungen und Informationen
an. Meine Lebensqualität hat sich dadurch sicher verbessert. Oder auch:
Die Ausreden sind weniger geworden.
Wie der eigene Schatten
Denn
auch wenn ich ein durchaus ”normales” und erfülltes Leben führe
– noch immer gerate ich in Situationen, in denen ich mir meinen Diabetes
am liebsten weg wünsche. Und dies sind nicht einmal die Momente, in denen
ich ungläubig auf mein Messgerät starre, innerlich erröte und
mir wieder einmal überhaupt nicht erklären kann, wo DER Wert jetzt
wieder herkommt.
Nein, vielmehr stört, dass Zucker ”immer da” ist, wie der
eigene Schatten. Ständig umsorgt werden will, manchmal wie ein störrisches
kleines Kind, das aber nie aus dieser Phase hinauswächst.
Wenn ich durch den Wald jogge, mich gut fühle, die Natur in mich aufsauge.
Am liebsten weiter und weiter laufen möchte … und auf einmal die
Schritte ungleichmäßig werden, ich weiße Punkte sehe. Widerwillig
höre ich auf, um einen trockenen Müsliriegel runter zu würgen.
Wenn ich ein früheres Flugzeug gerade noch erreicht habe, aber nur noch
einen Mittelsitz bekommen habe. Hungrig bin, aber, als das Essen kommt, wegen
der Enge weder auf die Toilette will, noch die ungespitzten Blicke aus den Augenwinkeln
der Nachbarn ertragen kann … Genervt esse ich um alles herum, was nach
Kohlehydraten aussieht. Wenn ich mit meiner Freundin ins Bett will, jetzt sofort
und … doch noch den Umweg über das Bad mache, um zu testen und mein
Langzeitinsulin zu spritzen. Das sind Momente, in denen ich mir trotz allem
manchmal Läuterung wünsche.
Fragen ohne Antworten
Dabei kann ich mir nicht mal selbst einen Vorwurf machen.
Sünde Nummer fünf, Unmäßigkeit in Essen und Trinken, mag
zwar gelegentlich mit Diabetes ”bestraft” werden. Aber zumindest
für uns ”1-er” ist das nicht bewiesen. Vielmehr sind mir bislang
noch alle Wissenschaftler eine Antwort auf die Frage schuldig, warum ”gerade
ich”, also ein durchaus nicht dickes, dafür ausgesprochen sportliches
Kind mit 14 Jahren einen Diabetes bekommen hat. Keiner in unserer Familie, jung
oder alt, hat Zucker. Die meisten meiner Verwandten sind oder waren Sportler.
Niemand hat einen Body-Mass-Index von über 25. Also …? Sicher: egal,
wie die Antwort auf diese Frage ausfiele, ”geheilt” wäre ich
dadurch auch nicht. Ich würde auch weiterhin selbst der Manager meines
Diabetes sein. Und das ist wiederum auch gar nicht so schlecht.
Devise: Bewusster leben …
Denn immerhin ist Diabetes von allen chronischen
Erkrankungen vielleicht diejenige, die ich selbst am besten beherrschen kann.
Die ich, indem ich mich mit ihr beschäftige, meistens gut einschätzen
kann, und die mich vielleicht sogar manchmal dazu anregt, ein insgesamt ”besseres”
Leben zu führen.
Nun mag man mir vorwerfen, aus der Not eine Tugend machen zu wollen. Aber ich
denke schon, dass ich bewusster lebe. Ich muss mich ja ohnehin mit meinem Körper
beschäftigen, lernen, wie er mit Energie umgeht, auf meine Stimmungen reagiert
– oder ich auf ihn. Dadurch weiß ich auch, dass vom Rumsitzen nicht
nur mein Insulinbedarf steigt, sondern ich auch schlicht schlechtere Laune habe,
als wenn ich mich regelmäßig draußen bewege. Dass lange Feiern
nicht nur Kopfweh bescheren, sondern auch den Zucker nachhaltig durcheinander
bringen können.
Und so manage ich dann eben nicht nur meinen Diabetes mit Blutzucker messen
und Insulin spritzen, sondern lerne ”nebenbei” auch noch ein paar
Spielregeln, die mich auch sonst fit und bei guter Laune halten.
… und im Voraus planen
Vor allem heißt es dazu möglichst immer
ein bis zwei Stunden voraus zu denken. Zumindest schon testen, bevor ich in
den Flieger einsteige, dann muss ich drinnen nur noch spritzen. Noch unmittelbar
vor dem Laufen eine Banane essen, wenn das Wetter gut aussieht. Und so weiter.
Das schränkt mich auch in meiner Spontanei-tät wenig ein, solange
der Zucker einigermaßen in Ordnung ist und ich nicht ”vorab”
kurzwirkendes Insulin spritze. Aber andererseits hilft es mir, die richtigen
Entscheidungen zu treffen, wenn der Plan dann doch anders ausfällt, als
zunächst gedacht.
Daher habe ich auch keine besonders regelmäßigen Zeiten für
das Testen. Solange ich am Schreibtisch sitze, nichts esse oder mich irgendwie
bewege, können die Abstände länger sein. Aber wenn ich nicht
weiß, was der Nachmittag bringt, ob es Kuchen zum Kaffee gibt oder ob
wir direkt vom Meeting zum Essen gehen … dann versuche ich in jeder Pause
mir ein Bild zu machen. Und auf jeden Fall immer beide Insuline dabei zu haben,
wenn ich am Nachmittag noch das Haus verlasse!
Im Sinne der Vorausplanung kann es beispielsweise auch nützlich sein,
vor dem Urlaub oder der Geschäftsreise im Hotel anzurufen und zu fragen,
ob eine Minibar im Zimmer ist (zum Kühlen von Insulin und für den
Orangensaft gegen Hypos).
Trotzdem – jeder Tag ist anders
Auch nach fast 20 Jahren Leben mit Diabetes
ist mir manches Ergebnis immer noch ein Rätsel. Daher ist es für mich
immer wieder lehrreich, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen, sei es unter
Freunden, in der Praxis/Selbsthilfegruppe oder im Internet. Es hilft mir, Neues
zu entdecken, an das ich vielleicht nicht gedacht habe. Und es motiviert mich,
wenn ich selbst manchmal mit ein paar Tipps einem anderen Diabetiker helfen
kann.
Ein Schatten kann nur entstehen, wo auch ein Licht scheint. Und wenn Du dem
Licht entgegen gehst, wirst Du Deinen Schatten hinter Dir lassen!
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Nossrat Peseschkian, Günther Sachse: Mit Diabetes komm’
ich klar
Zurück zum inneren Gleichgewicht mit Positiver Psychotherapie
1. Auflage, 2001, 174 Seiten, 9 Abbildungen, kartoniert, 12,95 Euro,
ISBN 3-89373-653-0
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Buchtipp:
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Diabetesprobleme wie Hypoglykämie, Übergewicht und Impotenz
- Seelische Begleiterkrankungen wie z.B. Essstörungen, Angst,
Depression oder Suizidalität
Psycho-Diabetologie, Herausgeber: Karin Lange, Axel Hirsch
Verlag Kirchheim + Co GmbH, Postfach 2524, 55015 Mainz,
1. Auflage, 2002, 359 Seiten, 18,50 Euro, ISBN 3-87409-351-4 |
ZWEITE AUSGABE 2003 
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