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KULTUR | GESCHICHTE
03-2000 Inhalt  Meilensteine in der Geschichte des Diabetes mellitus.
Der experimentelle Diabetes
Durch einen Wissenschaftler neuer Art, der Logik und Rationalismus über die traditionelle Naturphilosophie stellte – nämlich Johann Conrad Brunner – machte der Entdeckungsprozess der Ursachen des Diabetes mellitus nicht den Schub, der möglich gewesen wäre. Vielleicht wäre die Erforschung dieser Krankheit bis zum heutigen Tag in ganz anderen Bahnen verlaufen.
Bei seiner Antrittsvorlesung an der Universität Heidelberg im Jahre 1686 auf dem 3. Medizinischen Lehrstuhl formulierte er: „Freund seye mir Hippokrates, und Aristoteles, und Cartesius, und jeder andere; aber die Wahrheit seye mir über alles, und diese gestattet niemanden, dass wir auf die Sprüche irgendeines Orakels schwören“. Beim zweimaligen Durchlesen erkennt man den potentiellen Widerspruch zwischen der Wahrheit (des Experiments) und der geistigen Freundschaft zu den großen medizinischen Lehrern.
Johann Conrad Brunner – den heutigen Medizinern durch die Brunnerschen Drüsen bekannt – wurde 1653 in Dießenhofen in der Nähe von Schaffhausen in der Schweiz geboren, studierte in Straßburg Medizin, ließ sich anschließend in Paris weiter ausbilden und verbrachte Studienaufenthalte in Oxford und London, wo er vermutlich auch mit dem berühmten Arzt Thomas Willis zusammentraf. Seit 1676 war er praktischer Arzt an seinem Geburtsort, befasste sich jedoch in dieser Zeit wissenschaftlich mit anatomischen Untersuchungen, bis er schließlich an die Universität Heidelberg berufen wurde. 1683 veröffentlichte er in Amsterdam sein Buch „Neue Experimente über die Bauchspeicheldrüse“, in dem er seine seit 1673 durchgeführten Pankreas-forschungen an sieben Hunden schildert.
Diese waren der Erforschung der Funktion der Bauchspeicheldrüse gewidmet und klassisch experimentell aufgebaut, indem Brunner versuchte, die Folgen einer Ausschaltung der Hundebauchspeicheldrüse zu beobachten. Erstaunlicherweise blieben die Hunde am Leben und sind nicht an einem Diabetes mellitus innerhalb von wenigen Wochen gestorben. Für die Kunst Brunners spricht, dass die ohne Antibiotika und Narkose operierten Hunde auch nicht an einer Blutvergiftung eingegangen sind. In seinem tagebuchartigen „Laborbericht“ schildert er die Polyurie (Harnruhr), indem er berichtet, dass der Hund nach der Operation ein „beträchtliches Stück Erde bewässerte“. Er beschrieb die darauf folgende Polydipsie, den krankhaft gesteigerten Durst, des Tieres. Er erholte sich daraufhin wieder und „flüchtete als Gesunder zu seinem Herrn zurück“. Daraus kann man schließen, dass Brunner den Hund ursprünglich von der Straße weggelockt hatte. Brunners experimenteller Ansatz ging so weit, dass er eine „second-look“-Operation durchführte, indem er den Hund gegen den erklärten Widerstand seines Herrn (mit Hilfe einer läufigen Hündin) erneut zu sich lockte. Die Besonderheit der Hunde-Bauchspeicheldrüse und der Brunnerschen Operationsmethode erklären den Nachuntersuchungsbefund:
Die Bauchspeicheldrüse beim Hund hat zwei unterschiedlich große Teile mit eigenen Ausführungsgängen. Brunner hatte den größeren Teil abgeschnitten. Da es ihm um die Ausschaltung der Bauchspeicheldrüse ging, dachte er, dass er den kleineren Teil wegen anatomischer Unübersichtlichkeit stehen lassen konnte.
Diese Art des Vorgehens führt jedoch, wie wir spätestens seit Sobolew (1902) wissen, zu einer Atrophie (Zellschwund) ausschließlich des nach außen wirkenden Anteils der Drüse, der nach innen gerichtete Anteil bleibt unbeschädigt – eine Methode, die sich Banting und Best ca. 250 Jahre später anfangs für die Insulingewinnung zu Nutze machten. Und tatsächlich war zum Erstaunen Brunners bei seiner Nachuntersuchung der zweite, unterbrochene Teil der Bauchspeicheldrüse wesentlich verkleinert. Nach der Operation übernahmen die intakten ß-Zellen des abgetrennten Bauchspeicheldrüsenteiles den Glukoseausgleich. Brunner hatte also einen vorübergehenden Diabetes mellitus erzeugt, ihn jedoch nicht als solchen erkannt. Die Funktion der Bauchspeicheldrüse blieb noch einmal für zweihundert Jahre im Dunkeln, die Annahme, der Diabetes sei im Wesentlichen eine Nierenerkrankung, blieb vorerst bestehen.
Die Entdeckung des Pankreas-Diabetes
Der Pharmakologe und Internist Joseph von Mering (1849 – 1908)
Am 8. Juni 1889 berichten Josef von Mehring und Oskar Minkowski im "Centralblatt für klinische Medizin": „Nach Exstirpation (Entfernung) des Pankreas tritt bei Hunden Diabetes mellitus auf. Derselbe beginnt einige Zeit nach der Operation und dauert wochenlang ohne Unterbrechung bis zum Thode der Thiere. Außer dem Zuckergehalt im Harn beobachtet man Polyurie (vermehrten Harndrang), großen Durst, Heißhunger sowie starke Abmagerung und große Hinfälligkeit trotz reichlicher Nahrungszufuhr“. Die ganze Mitteilung ist eine 3/4-Seite lang und ein Klassiker der experimentellen Diabetesliteratur. Sie erwähnt bereits die Azetonurie (Ausscheidung von Azeton im Harn als Folge von Insulinentzug bei Diabetikern), den Glykogenschwund der Muskulatur und der Leber sowie Hyperglykämien zwischen 300 und 460 mg. In einem Nebensatz wird auch noch die eingeschränkte Eiweißverdauung sowie die mangelhafte Fettresorption erwähnt. Letztere hatten wieder einmal den Auslöser für die Entfernung einer Bauchspeicheldrüse gegeben – Minkowski hatte für die Versuche von Mehrings zur Fettaufnahme eine totale Bauchspeicheldrüsenentfernung bei einem Hund durchgeführt. Bereits die erste Operation war gelungen. Aus familiären Gründen musste von Mehring im Anschluss an die Operation Straßburg für wenige Tage verlassen; während dieser Zeit wurde das operierte Tier auffällig: „kaum hat es seine Blase gründlich entleert, und bald läßt es wieder große Menge Urin“. Anders als 250 Jahre zuvor wird die auffällige Polyurie nun von Minkowski im Sinne des Diabetes mellitus richtig gedeutet, indem er die Urinpfütze auf Glucose untersuchte. Durch die vorher erwähnte Originalmitteilung von 1889 wird endlich der „Pankreas-Diabetes“ entdeckt. Der Diabetes mellitus war keine Nierenerkrankung mehr, der Boden für die Entdeckung der „inneren Sekretion“, der Hormone und damit auch des Insulins war bereitet.
Priv.-Doz. Dr. med. F. S. Keck, Medizinische Klinik, Westküstenklinikum, 25746 Heide
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