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DIABETES+SPORT | INTERVIEW
03-2000 Inhalt  Ein Tennis-Star mit Diabetes
Jeder Tennis-Fan kennt den Namen Lars Koslowski. In den neunziger Jahren spielte er im internationalen Tennis keine unbedeutende Rolle. Während einer Tour wurde bei dem damals 17-jährigen Jungprofi Diabetes festgestellt. Wie der Leistungssportler mit dieser einschneidenden Veränderung in seinem Leben umging, lesen Sie in diesem Interview mit Lars Koslowski.
Lars, Sie spielen seit Kindertagen Tennis und Ihnen war eine gute Karriere vorausgesagt. Durch den Diabetes hat es einen großen Einschnitt in Ihrem Leben gegeben. Wann genau war das?
Der Diabetes wurde 1988, in meinem 17. Lebensjahr auf einer Turnierserie in Australien, festgestellt.
Hatten Sie Beschwerden?
Beschwerden hatte ich keine. Es sind plötzlich Symptome aufgetreten, die mich in meiner Leistungsfähigkeit einschränkten, z.B. großer Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit usw.
Wie haben Sie es aufgenommen?
Diabetes sagte mir nichts. Als sie es mir im Krankenhaus in Melbourne erklärten, war ich natürlich schockiert. Ich begriff, dass dies ein großer Einschnitt in meinem Leben war, und ich fragte mich, wie es mit meiner Tenniskarriere weitergeht. Tennis war seit meinem sechsten Lebensjahr für mich das Wichtigste. Ich wollte Profi-Tennisspieler werden. Für mich war klar, das ist mein Beruf. Tennis war mein Leben.
Welche Chancen hat Ihnen der australische Arzt für Ihre weitere Karriere gegeben?
In Melbourne wurde zuerst der Verdacht auf eine Virusinfektion gestellt. Eine Hostess des australischen Tennisverbandes mit einem Diabetiker in der Familie kannte die Symptome und gab dem Arzt den Tipp. Ich wurde auf Diabetes mellitus untersucht und der Befund war positiv. Der Arzt reagierte sehr skeptisch, als ich ihm meine beruflichen Ziele erklärte. Er sagte, dass die Behandlung von Diabetes mit drei- bis fünfmaligem Spritzen am Tag schon ein sehr großes Handicap wäre. Aber dass es nicht unmöglich wäre, weiter Tennis zu spielen.
Wie ging es nach Ihrer Rückkehr weiter? Wer hat Sie betreut, wo wurden Sie eingestellt?
Eine erste Einstellung wurde in Australien vorgenommen. Man hat mir einiges zum Diabetes erklärt und das Insulinspritzen beigebracht. Als ich in Deutschland eintraf, bekam ich direkt eine weitere einwöchige Schulung in einer Diabetesklinik. Mir wurde erklärt, was ich essen darf, was nicht, wie BE gezählt werden usw. Auch der Zusammenhang zwischen dem Diabetes und meiner sportlichen Tätigkeit wurde thematisiert.
Wie sind Sie eingestellt worden?
Für meine damals bescheidenen Kenntnisse gut. Der behandelnde Arzt hat die Insulintherapie auf mein Leben als Tennisprofi abgestimmt. Er hat den flexiblen Lebensrhythmus, den ich brauchte, berücksichtigt. Es ist einfach etwas anderes, ob man mehrfach am Tag zu den unterschiedlichsten Zeiten trainiert, Matches spielt und wieder trainiert. Ich habe vor jeder Hauptmahlzeit Insulin gespritzt.
Wo war die nächste Schulung?
In München. Ich bin damals nach München gezogen, habe auf der ATP-Tour gespielt und im Bayerischen Tennis-Leistungszentrum in Oberhaching trainiert. Durch Zufall habe ich Prof. Dr. Landgraf kennengelernt, der mir auf den Kopf zusagte, „Sie sind nicht richtig eingestellt“. Es entstand ein sehr guter und offener Kontakt. Er und sein Team gaben mir die erste professionelle Schulung. Er hat immer ein Auge auf mich gehabt, immer Zeit für mich hatte, er war immer da und hat mir geholfen.
Was wurde Ihnen in der Schulung als wichtig nahegelegt?
Das Thema Ernährung ist sicherlich in jeder Schulung ein wichtiger Punkt – das war hierbei sehr gut, man hat an realistischen Beispielen einen flexiblen Tagesablauf erlernt. Alle Anwesenden waren ungefähr im gleichen Alter. So war der Alltag vergleichbarer. Die Insulintherapie wurde sehr ausführlich besprochen und schließlich, als unabdingbares Instrumentarium, die Blutzucker-Selbstkontrolle. Wir lernten, wie wir mit der regelmäßigen Kontrolle unseres Blutzuckers unseren eigenen Körper bewusst steuern können. Nur wer seinen Körper kennt und lernt, mit den Signalen umzugehen, kann sein Leben weiter flexibel gestalten. Auch Spätfolgen kann man so vorbeugen. Und der Sport– eine der besten Therapien, um Spätfolgen zu vermeiden. Diese ausführliche und nachvollziehbare Schulung hat mir sehr geholfen.
Hat Sie der Diabetes in Ihrer sportlichen Laufbahn behindert?
Bei den vielen Matches, die ich gespielt habe, nicht. Wobei man nicht merkt, wenn man auf dem Platz steht, ob man vielleicht gerade unterzuckert ist. Man ist zu sehr mit dem Spiel beschäftigt. Was sich unterscheidet, ist die Vorbereitung vor und das Verhalten nach dem Match. Man führt Blutzuckerkontrollen vor und nach dem Match durch. Man richtet seine Mahlzeiten und die Zwischenmahlzeiten danach aus. Auch schon abends vorher, wenn man weiß, dass ein anstrengender Tag kommt, ein großes Match oder mehrere.
Wer hat Sie damals trainiert? Wussten Ihre Trainer über Diabetes Bescheid?
Nicki Pilic und Karl Meiler, der jahrelang B-Kader-Trainer war. Beide wussten von meiner Situation.
Und Ihre Tennis-Gegner?
Ich habe es den Freunden auf der Tour ohne Aufhebens gesagt. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, sondern mich auch in der Öffentlichkeit für die Aufklärung über Diabetes eingesetzt.
Fühlten Sie sich gegenüber anderen benachteiligt?
Nein, ich habe immer versucht, alles so zu machen wie jeder andere. Wenn wir abends mit der Mannschaft aßen, gab’s für alle das gleiche Essen. Das Ziel ist, möglichst so zu leben, wie alle anderen. Mit der Einschränkung, dass man auf gewisse Dinge mehr achten muss.
Welche Insulintherapie führen Sie aktuell durch?
Ich spritze seit einem Jahr schnell wirksames Insulin. Ich habe mich so an die „Spritzerei“ und das regelmäßige Blutzuckermessen gewöhnt, dass es nicht mehr weg zu denken ist.
Führen Sie regelmäßig eine Blutzuckerselbstkontrolle durch?
Ja, unter normalen Umständen in Abstimmung mit den Mahlzeiten drei- bis viermal am Tag – besonders wenn ich „sündige“. Wenn ich Sport treibe, messe ich vor und nach dem Match meine Blutzuckerwerte. Das hat sich nicht geändert, auch wenn ich nicht mehr im aktiven Wettkampfgeschehen stehe. Das gibt mir Sicherheit. Ich helfe mir selbst und kann sofort einschreiten, wenn etwas nicht so ist, wie es sein muss.
Was heißt für Sie „sündigen“?
Weißbier schmeckt mir gut. Oder das unkomplizierte Essen, wenn man mit Freunden weggeht. Da schaut man dann nicht so genau auf die BE.
Was für ein Blutzuckermesssystem verwenden Sie zur Zeit?
Zur Zeit messe ich mit dem EuroFlash®. Dem blaugrauen von LifeScan. Er ist schön klein, sieht nicht aus wie ein medizinisches Gerät, ist einfach zu benutzen und passt in jede Hosentasche. Und er verfügt über das schnellste Messsystem. Ich habe vorher andere Geräte benutzt, aber für mich ist es ein Riesenvorteil, dass der EuroFlash so schnell arbeitet und immer sofort einsetzbar ist. Zusätzlich wichtig: Für die Messung braucht man nur sehr wenig Blut und man kann den Teststreifen überall anfassen.
Nutzen Sie auch seine weiteren technischen Vorteile?
Würde ich gerne, kann ich aber leider nicht! Da ich in der Vergangenheit ständig unterwegs war, hatte ich wenig Gelegenheit, einen Computer regelmäßig zu benutzen. Doch jetzt nach meiner beruflichen Veränderung werde ich diesen Zusatznutzen ausprobieren.
Was hat sich geändert? Sind Sie aus dem Profi-Tennis heraus?
Ja, nach der aktiven Tenniskarriere habe ich beim Bayerischen-Tennisverband in Oberhaching gearbeitet. Ich war Tourbegleiter für Markus Hansch. Ich habe aber auch selbst noch Tourniere gespielt, war in der Vorbereitung für die Tennisbundesliga und vieles mehr. 1998 habe ich ein Angebot von einer Essener Sportmarketingfirma bekommen. Am Anfang betreute ich als Tourbegleiter Nikolas Kiefer, das bedeutet, im Auftrag dieser Firma die Organisation vor Ort, die Abwicklung mit Sponsoren, Journalisten und anderen wichtigen Personen zu managen. Heute bin ich mehr in Essen. Wir betreuen Bereiche der Tennis-Bundesliga sowie das größte deutsche Tennis-Jugendturnier GJO aber auch andere Sportarten und Projekte.
Sie treiben immer viel Sport. Was ist in Ihrer Sporttasche?
Neben den Tennissachen etwas zu Trinken, extra Kohlenhydrate, z.B. eine Banane. Dann die „Diabetiker-Ausrüstung“: Insulin und PEN, EuroFlash, Messstreifen, Lanzettengerät – ich nehme jetzt das neue PenletPlus, mit verschiedenen Einstichtiefen – und natürlich Traubenzucker. Wichtig ist, dass man immer gerüstet ist: Vielleicht hat man sich für eine Stunde zum Spielen verabredet und dann wird es doch länger, weil man noch Freunde trifft.
Sie haben bei der Veranstaltung „Sport und Diabetes“, die unter der Leitung von Prof. Landgraf in Oberhaching bei München stattfand, aktiv mitgemacht. Warum?
Für einen guten Zweck setze ich mich gerne ein, besonders in diesem Fall: Prof. Landgraf und sein Team haben mich bestens betreut, obwohl ich kein leichter Patient war. Wichtig war auch die Zielsetzung der Veranstaltung – die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass Sport Diabetikern gut tut. Und den Eltern von Kindern mit Diabetes sollte bei dieser Gelegenheit die Angst ein wenig genommen werden. Wir – außer mir der 100-Meter Läufer Andreas Koch und Ulli Viefers, Ruderer im Olympia-Team – haben uns dafür engagiert, dies den Ärzten, Journalisten und der Bevölkerung an unserem Beispiel zu beweisen. Wir haben unsere Story erzählt und waren für alle da, die Fragen hatten. Ich habe dann noch ein Match mit Prof. Landgraf, seiner Mitarbeiterin Ulrike Thurm und meinem lieben Freund, Wimbledon-Sieger Peter McNamara, dem ehemaligen Doppelkünstler (McNamee/McNamara) gespielt.
Was raten Sie persönlich Menschen, die Diabetes haben?
Erst mal eine professionelle Schulung. Dann muss jeder für sich selbst herausfinden, was er sich zumuten kann. Sport treiben ist gut. Es muss kein Leistungssport sein, jeder sollte den Sport finden, der ihm liegt. Jede Art von Bewegung ist okay, bei älteren Menschen z.B. regelmäßiges Spazierengehen. Ich kann nur jedem dazu raten, seinen eigenen Weg zu suchen und dabei nicht zu vergessen, das Leben zu genießen. Wie auch für Nicht-Diabetiker gilt: alles in Maßen.
Sie kennen die Tennisaktivitäten von der Firma LifeScan?
Ja, LifeScan war einer der aktiven Mitsponsoren der Veranstaltung. Ich freue mich immer riesig über Aktivitäten im Tennis. Es begeistert mich zu sehen, dass sich ein Unternehmen so stark im Bereich Tennistraining und Unterstützung der Diabetiker engagiert.
Lars, danke für das Gespräch.
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