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TITELTHEMA | DIABETES+AUGE

03-2000 Inhalt

Ich kann wieder sehen, lesen, surfen, Auto fahren...!

In diesem authentischen Bericht erzählt Rita Lindgens, was einem als Diabetiker passieren kann, und wie sich schließlich ihr fast hoffnungsloses Augenproblem doch noch zum Guten wendete. Eine tröstliche Schilderung für alle, die unter diabetisch bedingten Sehstörungen leiden.

Ein schöner Urlaub
An unseren Ostseeurlaub 1995 haben mein Mann und ich keine besonders guten Erinnerungen. Nach ausgedehnten Strandwanderungen zog ich mir während der letzten Urlaubstage trotz bequemer Sandalen eine Blase an der rechten Großzehe zu. Anfangs versuchte ich, mir mit Pflastern, Mullverbänden und Salben selbst zu helfen – ohne Erfolg. Im Gegenteil – die Wunde nässte und der Fuß schwoll mehr und mehr an.

Da ich keinen Hausarzt hatte, suchte ich – wieder im Alltagsgeschehen zurück – zum ersten Mal in meinem Leben einen Fußpfleger auf. Dieser lehnte nach dem zweiten Besuch die weitere Behandlung ab und schickte mich in die Ambulanz eines Krankenhauses. Ich saß kaum auf der Pritsche, als sich drei junge Chirurgen meiner annahmen. Einer sagte etwas, ein anderer setzte sich so auf die Liege, dass ich nichts sehen konnte, der Dritte hielt meine Hand – und bevor ich richtig wusste, was geschah, war mein Zeh amputiert.

„Sie müssen ein paar Tage hier bleiben“, hörte ich und wurde aufs Krankenzimmer gefahren. Sechs Wochen blieb ich dort. Ein Unglück kommt selten allein. Der zweite Schock folgte umgehend: „Sie haben Diabetes“. Mein Blutzucker von zunächst 300, am nächsten Tag 400, wurde massiv heruntergespritzt. Dies war vermutlich auch der Auslöser für meine Sehstörungen, die sich Anfang 1996 einstellten. Zu diesem Zeitpunkt ungetrübt von irgendwelchen Kenntnissen über den tückischen Diabetes, habe ich später erfahren, dass die Augen unbedingt begleitend behandelt werden müssen, wenn hohe Zuckerwerte heruntergespritzt werden. Das wurde leider bei mir versäumt. Es fand lediglich eine Untersuchung bei einem niedergelassenen Augenarzt statt, der jedoch nur unbedeutende Schäden aufgrund des Diabetes diagnostizierte.

Glücklicherweise fand ich einen guten Hausarzt, der inzwischen Diabetologe ist. Als er meinen Fuß nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zum ersten Mal sah, war er aufrichtig erschrocken. Er hat es mit beispielhaftem Einsatz und unendlicher Geduld geschafft, ihn wieder zu heilen. Auch die Versorgung mit orthopädischen Schuhen veranlasste er. Mit der Insulinbehandlung (konventionelle Therapie) hatte und habe ich bis heute keine Probleme.

Jetzt wird’s richtig ernst

Als ich im Februar 1996 nach fünf Monaten Krankheit meine Arbeit wieder aufnahm, stellte sich erstmals auf dem rechten Auge eine kleine Blutung ein, die ich als als Kringel sah. Mein Augenarzt machte mir Hoffnung, dass dies bald wieder verschwinden würde. Doch es bildeten sich immer wieder neue Kringel und Schatten, auch auf dem linken Auge. Meine Tätigkeit als Chefsekretärin hatte ich bereits Mitte 1996 (mit damals 54 Jahren) aufgeben müssen. Im Laufe der Jahre 1996 und 1997 wurden beide Augen – in größeren Abständen – jeweils dreimal von meinem Augenarzt gelasert. Die Therapie zeigte vor allem am rechten Auge stabile Ergebnisse. Bis zum Jahreswechsel 1997/1998 … Die Weihnachtspost musste ich mir vorlesen lassen. Das Autofahren hatte ich ganz eingestellt, und unseren Haushalt konnte ich nur noch mit Hilfe meines Mannes versorgen. Ich geriet zunehmend in Panik, völlig zu erblinden. Lasern war nicht mehr möglich, denn der Lichtstrahl drang nicht mehr durch die grauen Schatten, die vom Augenarzt als Glaskörperblutungen bezeichnet wurden. Während der vorangegangenen Monate, als ich noch etwas lesen konnte, hatte ich versucht – vor allem über das Internet – Informationen über die diabetische Retinopathie und eine eventuelle Operation, die sog. Vitrektomie, zu bekommen. Und ich wurde tatsächlich fündig. Den umfangreichsten Informationsschub mit Hinweisen auf viele andere Websites und Spezialkliniken verdanke ich Markus Dornbach. Ich lernte, dass es sich um eine riskante Operation handelt. Auf Vorschlag meines Hausarztes versuchte ich, einen Termin in einer Düsseldorfer Klinik zu bekommen. Die Wartezeit für eine Untersuchung betrug drei Monate. Mein Augenarzt schrieb mir eine Überweisung für die Uniklinik Aachen und nach rund vier Wochen bekam ich dann auch einen Termin in dieser Poliklinik.

Die Operation muss sein

Es wurde zunächst versucht zu lasern – man hatte dort noch speziellere Lasergeräte als in einer normalen Augenarztpraxis – leider ohne Erfolg. Mein Sehvermögen lag bei 1/40 bzw. 1/30. Also blieb nur die Vitrektomie. Auf meine Frage nach den Chancen der Operation konnten oder wollten beide Ärzte keine Prognose abgeben, da man diese erst während der Operation und bei Sicht auf die Netzhaut beurteilen kann. Schweren Herzens entschloss ich mich zu dem Eingriff. Im April 1998 wurde zunächst das linke Auge operiert. Die Operation erfolgte unter

Vollnarkose und dauerte zwischen einer und zwei Stunden. Der Glaskörper wurde entfernt, die Netzhaut mit Endolaser behandelt, ein Band um sie gelegt und Wasser eingefüllt. Im Juni wurde dann auch mein rechtes Auge operiert. Ich war dabei jeweils vier Tage in der Klinik. Einen Tag lang schützte eine Klappe das operierte Auge. Der Augapfel war etwas gerötet und geschwollen, doch die Schmerzen waren erträglich. Nach der Operation konnte ich links zunächst nur durch einen kleinen Ausschnitt sehen, er erweiterte sich aber glücklicherweise täglich. Rechts hatte ich von Anfang an ein normales Gesichtsfeld.

Alles wird gut

Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass ich mit dem linken Auge gewisse Farben – speziell gelb und blau – nicht originalgetreu sehen konnte und der Seheindruck insgesamt etwas dunkler war als rechts. Mit dem rechten Auge sah ich jedoch die Originalfarben. Es freute mich, denn Kunst, Fotografie und Grafik gehören zu meinen Hobbys. Es ist von der Natur wunderbar eingerichtet, dass sich bei beidäugigem Sehen das bessere Auge immer durchsetzt, Dieses Phänomen hatte ich schon festgestellt, als mein linkes Auge über längere Zeit verschattet und das rechte noch in Ordnung war. Bei den Nachuntersuchungen wurde links ein Sehvermögen von 25%, rechts von 32% festgestellt. Zur Erklärung: Diese Einstufung bezieht sich auf die Größe oder besser Kleinheit der Ziffern, die man beim augenärztlichen Sehtest noch erkennen kann.

Inzwischen darf ich wieder Auto fahren und kann die Tageszeitung ohne Lupe und ohne Brille lesen. Lediglich bei grellem Sonnenschein darf ich die Sonnenbrille nicht vergessen. Und im Dunkeln ist mein Sehvermögen gegenüber einem 100% Sehtüchtigen auch eingeschränkt. Irgendwann in der Zukunft muss ich den Grauen Star operieren lassen, aber das ist ja eine relativ kleine Operation, die heute meist ambulant gemacht werden kann.

Ich bin wieder Mensch

Ich bin sehr froh, dass ich mich habe operieren lassen und möchte allen Leidensgenossinnen und -genossen Mut machen. Als „Fastblinde“ hatte ich zwar versucht, dieses Defizit durch Aktivieren anderer Sinnesorgane (Hören, Tasten) und des Gehirns (Gedächtnis) auszugleichen, dennoch fühlte ich mich manchmal vom Informationsangebot völlig ausgeschlossen, obwohl mein Mann mir manches vorlas. Er hat erst sehr spät verstehen können, wie dramatisch mein Sehverlust tatsächlich war. Von den vielen Menschen aus meinem Umfeld, mit denen ich in dieser Zeit darüber gesprochen habe, konnten nur wenige – so jedenfalls war mein Eindruck – nachvollziehen, was es heißt, langsam aber sicher das Augenlicht zu verlieren. Heute – als jemand, der zwar als sehbehindert gilt, aber ganz gut sehen kann – bin ich besonders sensibilisiert für alle Missstände, die die Optik betreffen. Um hier nur ein paar Beispiele zu nennen: Einblendungen von Namen im Fernsehen, der miserable Druck von Beipackzetteln, Gebrauchsanweisungen, Haltbarkeitsdaten auf Lebensmitteln oder Preisetiketten, zu kontrastarme Internet-Seiten oder Busfahrpläne. Aber trotz aller Einschränkungen: Das Leben macht wieder richtig Spaß!

Rita Lindgens, September 1998.
© Dieser Text ist durch das Urheberrecht geschützt.
Quelle: www.diabeticus.de
Rita Lindgens gestaltet in Ihrer Freizeit gerne Fraktale mit dem Computer

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AUSGABE 03-2000 INHALT

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