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TITELTHEMA | DIABETES+AUGE
03-2000 Inhalt  Augenblick mal!
Wie wichtig es für alle Menschen mit Diabetes ist, ihre Augen ständig im Auge zu behalten, verdeutlicht Professor Dr. Peter Kroll von der Universitäts-Augenklinik Marburg in seinem Beitrag über die diabetische Retinopathie, die zuckerbedingte Netzhauterkrankung.

Schemazeichnung der Vitrektomie, einer aufwendigen Operation zur Rettung des Augenlichtes.
Erblindung muss nicht sein
Rund 4000 Diabetiker erblinden jedes Jahr in Deutschland. Dabei ist Diabetes mellitus die häufigste Ursache für den Verlust der Sehfähigkeit bei Menschen in arbeitsfähigem Alter. Bereits 1989 wurde in der Initiative von St. Vincent das Ziel formuliert: „Die Erblindung durch den Diabetes mellitus muss um ein Drittel gesenkt werden.“ Dass dieses Ziel erreichbar ist, belegen Erfahrungen aus Schweden. Dort sank die Erblindungsrate durch die Einführung eines Screening-Programmes seit 1981 um bisher 47 Prozent. Leider ist es bei uns in Deutschland bisher nicht gelungen, die St. Vincent-Vorgabe auch nur annähernd zu erreichen.
Der Diabetes und die Organe
Die Zuckerkrankheit beruht auf einer Funktionsstörung der Bauchspeicheldrüse. Man unterscheidet zwei Haupttypen der Krankheit. Bei dem bereits in der Jugend auftretenden Typ 1-Diabetes erzeugt die Bauchspeicheldrüse zu wenig Insulin. Der Typ 2-Diabetes tritt meist erst im höheren Alter auf. Bei diesem Diabetes-Typ kann die Insulinproduktion durchaus normal sein, der Körper ist jedoch nicht in der Lage, das Insulin zu verwerten. Infolge dieser Stoffwechselstörung verändern sich im Verlauf von etwa fünf Jahren die kleinsten Blutgefäße im gesamten Organismus. Dadurch entstehen die gefürchteten Folgeerkrankungen, wie Nierenschäden, Schädigungen der Nerven oder vorzeitige Arterienverkalkung. Wunden heilen schlechter und viele Diabetiker werden von „offenen“ Beinen geplagt. Durch Veränderungen an den größeren Herzkranzgefäßen treten oftmals Durchblutungsstörungen auf. Am Auge erkrankt die Netzhaut, was man als diabetische Retinopathie bezeichnet.

Die Augenhintergrund-Retinopathie
Eine verhängnisvolle Kettenreaktion
Die diabetische Retinopathie entsteht, weil sich die Gefäße der Netzhaut verändern. Es treten einerseits Gefäßverschlüsse, daneben aber auch Aussackungen der kleinen Blutgefäße auf. Im weiteren Verlauf bilden sich dann krankhaft neue Gefäße, die aus der Netzhaut in den Glaskörper wuchern. In diesem Stadium der diabetischen Retinopathie ist das Sehvermögen

Die proliferative Vitreo-Retinopathie mit ihren Gefäßwucherungen und Einblutungen in den Glaskörper
bereits stark gefährdet. Aus den krankhaften Gefäßwucherungen treten Blutungen in den Glaskörper ein, die die Sehachse verlegen. Gleichzeitig können sich Stränge bilden, die wie „Zugseile“ die Netzhaut von ihrer Unterlage – der sie ernährenden Aderhaut – abziehen. Diese Form der diabetischen Netzhauterkrankung bezeichnet man als „proliferative diabetische Vitreo-Retinopathie.“ Wird ihrer Entwicklung nicht Einhalt geboten, führt sie unweigerlich zur Erblindung.
Leider bleiben dem Patienten die Veränderungen, die sein Augenlicht zerstören, lange Zeit verborgen.Gerade deshalb ist es besonders wichtig, dass jeder Diabetiker gleich bei der Diagnose seines Diabetes und auch später regelmäßig zum Augenarzt geht und seine Augen kontollieren lässt. Die Untersuchung, die notwendig ist, um eine diabetische Retinopathie festzustellen, ist für den Patienten nicht belastend.
Die Formen der diabetischen Retinopathie
Man unterscheidet drei unterschiedliche Formen der diabetischen Retinopathie:
- Die Augenhintergrund-Retinopathie in ihrer milden, mäßigen oder schweren Ausprägung. Bei ihr beschränken sich Gefäßveränderungen auf die Netzhaut.
- Die schwerwiegendere, fortgeschrittene proliferative Vitro-Retinopathie mit Gefäßwucherungen und Einblutungen in den Glaskörper.
- Neben diesen beschriebenen Veränderungen gibt es noch die Makulopathie. Dabei ist die Stelle des schärfsten Sehens in der Netzhautmitte mit dem Zerfall der zentralen Sehzellen bedroht.
In der Einstellungsphase mit Insulin können erhebliche Schwankungen der Sehschärfe auftreten, die nicht mit einer Retinopathie zu verwechseln sind. Die verminderte Sehschärfe ist vorübergehend. In dieser Zeit ist es ratsam, aus Sicherheitsgründen auf das Autofahren zu verzichten.
Die Behandlung der Retinopathie
Je früher Gefäßveränderungen durch den Augenarzt erkannt und behandelt werden, desto sanfter und auch erfolgreicher wird die Behandlung sein. In den noch nicht allzuweit fortgeschrittenen Stadien der Retinopathie ist es heute möglich, durch eine nahezu schmerzfreie Laserbehandlung das weitere Fortschreiten der Veränderung zu verhindern. Bei schwerwiegenden Formen kann – dank der Fortschritte der Netzhaut-Glaskörper Chirurgie – durch eine aufwendige Operation das Augenlicht noch gerettet werden.

Die fast schmerzfreie Laserkoagulation zur Behandlung von Anfangsstadien der diabetischen Retinopathie.
Vorbeugen durch Früherkennung
Da die Veränderungen der Netzhautgefäße oft sehr weit fortgeschritten sind, bevor der Patient die ersten Sehverschlechterungen überhaupt bemerkt, kann die Gefahr der völligen Erblindung nur dadurch abgewendet werden, dass die Retinopathie gleich zu Beginn erkannt und sofort behandelt wird. Ganz wichtig: Bei einer Untersuchung der Sehschärfe (z.B. für eine neue Brille) kann die diabetische Retinopathie nicht entdeckt, aber auch nicht ausgeschlossen werden, zumal in den meisten Fällen die Veränderungen des Augenhintergrunds nicht an der Stelle des schärfsten Sehens beginnen. Die Empfehlungen der Fachleute lauten daher:
- Unmittelbar nach der Feststellung eines Diabetes mellitus sollte unbedingt eine augenärztliche Untersuchung erfolgen. Diese Sofortmaßnahme ist sehr wichtig, da oftmals nicht bekannt ist, wie lange der Diabetes bereits besteht.
- Vor dem Auftreten diabetischer Augenhintergrund- Veränderungen sind ärztliche Kontrolluntersuchungen mit Weitstellung der Pupille mindestens einmal im Jahr erforderlich.
- Wenn bereits Veränderungen der Netzhaut bestehen, müssen Sie sich in kürzeren Intervallen augenärztlich untersuchen lassen. Je nach Erkrankungsstadium ist es zu empfehlen, die Augen alle drei bis sechs Monate kontrollieren zu lassen.
Besondere Aufmerksamkeit auf die Augen
Zur Rettung des Augenlichtes gibt es heute fortschrittliche therapeutische Verfahren. Doch nur durch die Früherkennung diabetischer Veränderungen am Auge kann einer Erblindung mit großen Erfolgsaussichten vorgebeugt werden. Ihr Augenarzt wird alle Möglichkeiten der modernen Augenheilkunde einsetzen, um Ihr Sehvermögen zu erhalten. Helfen Sie sich selbst und Ihrem Augenarzt, indem Sie seine Fachkompetenz rechtzeitig und regelmäßig in Anspruch nehmen.
Kontaktadresse Unter dieser Adresse können Sie weitere Informationen zum Thema Diabetes und Auge bekommen:
Initiativgruppe zur Früherkennung diabetischer Augenerkrankungen (IFdA) Robert-Koch-Str. 4 35033 Marburg
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