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Titelthema | Diabetes+Psyche

ERSTE AUSGABE 2002

Diabetes ist meine Sache

Axel Hirsch

Auf Belastungen reagieren Menschen mit Körper und Seele zugleich: Der Blutdruck kann ansteigen, wir reagieren gereizt oder auch depressiv. Für jeden Menschen stellt der Diabetes und seine Therapie eine mehr oder weniger große Belastung dar, auch wenn dies vielleicht nur für eine gewisse Zeit der Fall ist. Wer unter dem Diabetes nur wenig leidet, wird es für sich behalten, besonders wenn er niemanden hat, mit dem er darüber offen sprechen könnte. Aber bei größerem seelischem Leid, das uns lange quält, wäre es problematisch, alles mit sich selbst abzumachen. Es kann zu weiteren seelischen und sogar körperlichen Problemen führen, wenn man etwas zu lange in sich "hineinfrisst".

Wichtig ist dabei, dass man sich klar macht, wer für die Diabetestherapie und für unangenehme Gefühle im Umgang mit dem Diabetes verantwortlich ist. Viele Menschen glauben, der Diabetes selbst verursache unangenehme Gefühle und andere Menschen seien dafür verantwortlich, wie gut die Therapie verläuft. Aber der entscheidende Faktor dafür sind Sie, der Diabetespatient selbst. Niemand kann Sie motivieren, wenn Sie es nicht selbst tun! Der innere Anstoß entscheidet.

Wer zu sich sagen kann: "Diabetes ist meine Sache" hat es meist leichter. Wer so denkt, hilft sich selbst dabei, unangenehme Gefühle und seelisches Leid im Leben mit dem Diabetes zu verringern. Warum?

Der innere AnstoßEin Mensch, der so denkt, geht meist aktiver und selbstbewusster mit dem Diabetes um, er nimmt selbst Einfluss auf seine Gefühle und Einstellungen bezüglich des Diabetes. Vielleicht haben Sie schon einmal etwas von "Empowerment" gehört. Das ist genau derselbe Gedanke, wie ihn zuerst amerikanische Diabetesexperten formuliert haben. Empowerment bedeutet, dass jeder Mensch seine Angelegenheiten selbst regeln möchte, und je näher er diesem Ziel kommt, desto zufriedener wird er langfristig sein.

Einstellungen spielen im Leben eine ganz zentrale Rolle. Denken Sie einmal an die Extreme, die in den Aussagen "Bei mir geht immer alles schief" oder "Irgendwie werde ich es schon schaffen" ihren Ausdruck finden. Je nachdem, wie man über sich und die Umwelt denkt, macht man es sich mit Problemen leichter oder schwerer. Wer überzeugt ist, irgendwie werde er es schon schaffen, wird weniger angespannt und dadurch zufriedener sein. Dies hängt auch von den Belastungen ab, die man schon erfahren hat, vor allem aber von der "Brille", die man sich beim Betrachten von Aufgaben und Problemen aufsetzt. Und diese bestimmt auch unsere Gefühle gegenüber den Dingen des Lebens.

Was kann es bedeuten, wenn ich mir als Diabetespatient sage: "Diabetes ist meine Sache"?

  1. Es ist die Wahrheit.
    Es ist meine Erkrankung, ich selbst leide mehr oder weniger an ihr, ich führe die Therapie im Alltag zu 99 Prozent selbst durch, ich selbst muss darunter leiden, wenn ich etwas falsch mache. Gute Ärzte und ihre MitarbeiterInnen können und sollen mich beraten, aber ich muss letztlich selbst entscheiden, was genau ich anschließend tun werde. Das kann mir keiner abnehmen.
  2. Ich werde mich informieren.
    Wenn ich weiß, dass ich zwangsläufig selbst entscheiden muss, werde ich das tun, was ich bei allen wichtigen Entscheidungen tue: Ich informiere mich möglichst gut über die Therapiemöglichkeiten und ihre Vor- und Nachteile. Ich mache mich selbst schlau. Glücklicherweise haben wir in Deutschland viele hervorragende Möglichkeiten der Schulung, also kann ich in vielen Diabetesteams Experten finden, die mir alles Wichtige erklären und zeigen. Es wäre unklug von mir, wenn ich keine Ahnung vom Diabetes hätte und dennoch immer wieder wie ein kleines bockiges Kind behaupten würde: "Diabetes ist meine Sache."
  3. Ich achte darauf, dass nicht andere darüber bestimmen, was ich für mein Leben mit dem Diabetes tue.
    Viele Leute reden Ihnen in Ihr Leben mit dem Diabetes hinein. Deswegen müssen Sie selbst einen möglichst klaren Standpunkt einnehmen, sonst kommen Sie leicht durcheinander. Also können Sie ruhig einmal sagen: "Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber bitte: Mein Diabetes ist meine Sache." Sie selbst entscheiden, ob Sie die Torte essen. Sie werden sich sicher gern von Ihrem Arzt einen Rat holen, aber mancher Vorschlag passt für Sie nicht. Das sollten Sie dem Arzt sagen, damit Sie gemeinsam nach einer für Sie individuell geeigneten Lösung suchen können.
  4. Ich entscheide selbst, wie gut ich mich mit dem Diabetes fühle.
    Das ist etwas, was viele Menschen gar nicht glauben können. Aber da Sie selbst Ihre Einstellungen bestimmen, bestimmen Sie auch weitgehend Ihre Gefühle. Stellen Sie sich vor, die Werte springen hin und her. Wenn Sie sich sagen: "Wie furchtbar, was soll daraus noch werden, das ist nicht auszuhalten!", dann werden Sie ärgerlich oder traurig sein. Wie finden Sie die folgende Möglichkeit? "Das ist ja ein Hin und Her, aber was soll's, mich darüber aufzuregen. Ich warte mal meinen nächsten HbA1c ab, dann sehen wir weiter. Bis dahin sehe ich zu, dass ich die Anliegen hinbekomme, die ich erreichen will, und dass ich nicht dauernd über meine Werte grüble. Ich mache meine Therapie weiter und bespreche die Ergebnisse mit meinem Arzt. Bis dahin gilt: Keine Panik!" Dann werden Sie sich ziemlich normal fühlen. Und wenn ein zu hoher HbA1c-Wert bei Ihnen ganz automatisch zu schlechten Gefühlen führt, können Sie lernen, Ihre Einstellung zu Pannen in der Therapie zu verändern und damit auch die Gefühlsautomatik außer Kraft zu setzen. Entscheidend ist, was Sie aus der Situation machen, ohne sich selbst zu blockieren und unnötig schlecht zu fühlen.
  5. Ich setze mich gegen alles zur Wehr, was meine Situation als Mensch mit Diabetes verschlechtert. Das schaffe ich besser gemeinsam mit anderen zusammen.
    Wenn Diabetes meine Sache ist, heißt das auch: Ich kann allein und gemeinsam mit anderen, z.B. mit einer Selbsthilfegruppe, dafür eintreten, dass gute Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Denn den anderen geht es ja genauso wie mir. Es ist also auch "unsere Sache". Gemeinsam können wir viel besser prüfen, welche Therapieangebote und -hilfen vernünftig sind. Die anderen suchen für sich ebenso wie ich nach einer guten Lösung, und gemeinsam kommt man oft auf bessere Ideen und kann sich leichter Hilfe organisieren. Und: Gegenseitig kann man sich besser motivieren, auch Schwieriges zu vollbringen.

Sich informieren, macht schlauUm auf den Anfang zurückzukommen: Der Gedanke "Diabetes ist meine Sache" setzt in mir Aktivität und Energie frei. Er hilft mir, aktiv mit dem Diabetes umzugehen und weniger unter ihm zu leiden. Ich muss aber auch aufpassen, dass ich mir dabei nicht zuviel zumute. Dass Diabetes meine Sache ist, heißt nicht, dass ich immer alles allein machen kann und keine Hilfe brauche. Denn der Diabetes ist und bleibt eine Belastung. Wenn ich merke, dass mich meine unangenehmen Gefühle in Bezug auf den Diabetes überwältigen, kann "meine Sache" auch bedeuten: "Es geht mir so schlecht mit dem Diabetes, dass ich jetzt Hilfe und Unterstützung brauche! Ich schaffe es nicht allein." Dann hilft vielleicht auch das Gespräch mit anderen, die Ähnliches schon erlebt haben.

Machen Sie den Diabetes zu Ihrer eigenen Sache!

Buchtipp
Axel Hirsch:
Diabetes ist meine
Sache. Hilfen zum
Umgang mit Angst,
Wut und Traurigkeit
Verlag Kirchheim + Co
GmbH, Mainz 1999,
2. überarbeitete
Auflage 2001, 244 Seiten
ISBN 3-87409-342-5,
EUR 16,40/DM 32,-

Kontakt
Axel Hirsch
Diplompsychologe
Krankenhaus Bethanien
Martinistraße 44-46
20251 Hamburg

ERSTE AUSGABE 2002

ERSTE AUSGABE 2002

EDITORIAL
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