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Diabetes+Psyche | Titelthema

ERSTE AUSGABE 2002

Was die Seele bewegt ...


Karena Leppert
Ralf Schiel

Zwei untrennbare Aspekte:
erfolgreiche Diabetestherapie und psychisches Wohlbefinden

„Diabetes eine komplizierte, teure, chronische, lebensbeeinträchtigende Gesundheitsstörung, die es erfordert, dass man sein Leben umstellt. Diabetes ist keine leichte Krankheit; allein deswegen, weil jeder sagt, dass man ‚gut mit ihr leben kann‘. Natürlich können wir gut damit leben, aber es ist nicht einfach, und unser Leben wird beeinträchtigt; Diabetes kostet auch viele Leben. Der einzige Weg, wie Menschen gut mit Diabetes leben können, ist, dass sie lernen, dass sie trainieren, dass sie sich selbst stark machen – das alles führt zu einem normalen Leben. Man erreicht dies aber nur, wenn man unterstützt wird – und die Unterstützung fehlt vielen: Man braucht Trainer und andere Menschen, die wissen, was es heißt, tagein, tagaus mit Diabetes zu leben.“

(Maria L. de Alva, Interview im Diabetes Journal 9/97)

Diese Aussage der ehemaligen Präsidentin des Weltdiabetesverbandes (International Diabetes Federation, IDF) Maria L. de Alvas, die selbst Diabetikerin ist, spiegelt die verschiedenen Facetten und das Dilemma der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus wider: Einerseits hat ein Mensch mit Diabetes die Schlüssel zu seinem Wohlbefinden selbst in der Hand; anderseits kann Diabetes ohne gute medizinische, pädagogische und psychologische Unterstützung schwierig werden. Beispiele von Patienten, die leben wie früher, als sie noch keinen Diabetes hatten, die Sport treiben und hier sogar Höchstleistungen vollbringen, die glücklich sind, wirken dann oft nicht mehr als Vorbild und Ansporn zur eigenen Motivation, sondern frustrierend und verunsichernd: „Warum schaffe ich es nicht?“ oder „Wie kann ich das, was für andere scheinbar so einfach ist, auch schaffen?“ sind dann die Fragen, die den Patienten belasten.

Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 sind heute medizinisch gut beherrsch- und behandelbare Erkrankungen. Doch unabhängig davon, ob ein Typ 1- oder ein mit „Diät“, Tabletten oder mit Insulin behandelter Typ 2-Diabetes besteht, gleichgültig, ob der „Zucker“ im Kindes-, jugendlichen oder im höheren Alter auftritt, psychosoziale Belastungen bestehen fast immer.

Psychische „Blockade“ durch Diabetes
Psychosoziale Belastungen entstehen oft aus dem Bewusstsein, krank oder anders als andere Menschen zu sein. Sie liegen darin begründet, behandelt zu werden oder sich selbst behandeln zu müssen. Auch die Angst, bestimmte Dinge, die im täglichen Leben wichtig und schön erscheinen, nicht mehr oder nur noch eingeschränkt tun zu können, drückt auf die Seele. Dieses Gefühl, nicht so zu sein wie die anderen, kann sich blockierend auswirken. Eine psychotherapeutische Behandlung ist hier eine sinnvolle und wichtige Hilfe wie folgendes Beispiel zeigt:

Eine 20-jährige Patientin mit Typ 1-Diabetes, die zur Teilnahme am stationären Behandlungs- und Schulungsprogramm kam, fiel durch depressive Verstimmung und demonstratives Desinteresse gegenüber ihrer Diabetesbehandlung auf. Nach intensiven Gesprächen wurde eine psychologische Beratung vereinbart. Dabei zeigte sich, dass das Verhalten der jungen Frau in einer schweren Persönlichkeitsstörung gründete, die sich zusätzlich durch eine Essstörung manifestierte. Die erforderliche tiefenpsychologische Therapie mit dem Ziel, ihre Selbstentwicklung und persönliche Unabhängigkeit zu fördern, ist zur Zeit noch nicht beendet. Ein wesentliches Zwischenergebnis hat sich aber bereits ergeben: Die Lebenseinstellung der Patientin ist deutlich positiver geworden, auch ihre Blutzuckereinstellung hat sich dadurch stabilisiert.

Verunsicherung durch Angstgefühle
Psychosoziale Belastungen entstehen aber nicht nur aus den Behandlungsanforderungen, wie z.B. häufigen Insulininjektionen, sie können auch auf akute Stoffwechselentgleisungen, z.B. Hypoglykämien (Unterzuckerungen), Komata (zu hohe Blutzuckerwerte mit Bewusstlosigkeit), oder auf die Angst davor zurückzuführen sein. Auch die Angst vor Folgeerkrankungen der Augen (Retinopathie), der Nieren (Nephropathie), des Nervensystems und der Füße (Neuropathie) belastet: Während einer stationären Pumpen-Schulung berichtet ein 33-jähriger Lehrer wiederholt, dass er aus Angst vor Unterzuckerungen ständig den Blutzucker messen und korrigieren müsse. Trotzdem bemerke er häufig Unterzuckerungssymptome, wie Schweißausbrüche, Schwindel, Kopfschmerzen oder Herzrasen. Dies verunsichere ihn völlig und oft wisse er überhaupt nicht mehr, wie er sich verhalten solle. Durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt, Diabetesberater und Psychologe wurde rasch ein ausführliches diagnostisches Gespräch vereinbart, in dem mehrere psychosoziale Belastungen deutlich wurden. In einer tiefenpsychologischen Gesprächstherapie, die von dem Patienten dankbar angenommen wurde, zeigte sich, dass sich die Beschwerden aus einer ausgeprägten Angststörung entwickelt hatten. Der Patient erlernte Entspannungsverfahren und damit, seine Lebenssituation gelassener anzugehen, Probleme abzuarbeiten und Angstgefühle von Blutzuckerschwankungen zu unterscheiden.

Gemeinsam den Diabetes angehen
Eines der wichtigsten Behandlungsziele für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist ihr psychisches Wohlbefinden. Wir wissen, dass sowohl die Stoffwechseleinstellung die psychische Situation des Patienten beeinflussen kann, als auch umgekehrt, die psychische Lage die Qualität seiner Diabeteseinstellung. In der St. Vincent Deklaration, die Verbesserungen in der Behandlung des Diabetes mellitus während der kommenden Jahre forderte, wurde bereits 1989 psychosoziales Wohlbefinden als Ziel für Menschen mit Diabetes festgeschrieben. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies 1995 darauf hin, dass optimale Lebensqualität für die Diabetesbehandlung einen zentralen Stellenwert einnimmt.

Wie kann dieses „innere“ Wohlgefühl in der Praxis der Diabetesbehandlung, für die es in jeder Hinsicht ja so wichtig ist, erreicht werden? „Man braucht Trainer und andere Menschen …“, sagte Maria L. de Alva. Die Therapie des Diabetes bedeutet heute nicht mehr Ge- und Verbote sowie extrem unangenehme und mühsame Eigentherapieformen wie tägliches schmerzhaftes Stechen mit stumpfen Nadeln zur Insulininjektion oder Auskochen von gläsernen Spritzen. Durch den Wegfall von extremen Diätregeln zugunsten einer ausgewogenen gesunden Ernährung sowie moderne, einfach und zuverlässig zu bedienende Injektionshilfen und Blutzuckermessgeräte wurde die Diabetes-Behandlung in den letzten Jahren wesentlich vereinfacht.

„Diabetes self-management“
In den meisten Bereichen der Medizin ist die Behandlung sowohl theoretisch als auch praktisch weitgehend hierarchisch organisiert. Bis heute gibt es nur wenige Alternativmodelle, ein Umdenken bei den Ärzten setzt sich nur zögernd durch. Die moderne Diabetologie ist hier einige Schritte weiter: Diabetespatienten können heute sowohl unter Ärzten und Psychologen als auch in Patienten- und Laienorganisatoren vertrauensvolle Partner finden, die ihnen beratend zur Seite stehen und sie in ihren Bemühungen, einen Weg mit dem Diabetes zu finden, auch praktisch unterstützen. Ein wesentlicher Faktor zur Gewährleistung des psychosozialen Wohlbefindens der Menschen mit Diabetes ist die Verwirklichung dieses „Diabetes self-management“. Und das bedeutet, was heute auch in der Diabetestherapie allgemein akzeptiert ist, dass nicht der Arzt, sondern der Patient in der Hauptsache die Behandlung übernimmt und für sich selbst entscheidet. Nicht der Arzt erlässt Vorschriften und regelt das Leben des Diabetikers, sondern der Patient selbst weiß, wie er handeln muss. Dies setzt natürlich umfassende Information voraus. Durch strukturierte Therapie und die Teilnahme der Patienten an Behandlungs- und Schulungsprogrammen wird die Behandlung dem Leben des Einzelnen angepasst und nicht umgekehrt. Es ist nicht die Aufgabe des Arztes, der Diabetesberaterin oder -assistentin den Patienten zu führen oder für ihn zu entscheiden. Der Experte informiert und berät. Der Patient entscheidet selbst und bestimmt die Ziele seiner Behandlung. Der Arzt, die Diabetesberaterin und -assistentin betrachten den Menschen mit Diabetes als mündigen Partner.

Werden diese Prinzipien von allen Partnern beachtet, bestehen die besten Chancen, dass dies, um noch einmal das Eingangszitat aufzugreifen, zu einem „normalen“ Leben führt. Es lässt sich eine Lebensqualität erreichen – und dies konnten wir durch Untersuchungen an unserer Klinik belegen – die dem Wohlbefinden von Nicht-Diabetikern vergleichbar ist.

Wichtiger Partner im Diabetesteam: der Psychotherapeut
Nicht selten sind psychische Probleme die Ursache von Ablehnung oder Schwierig-keiten bei der Umsetzung der „medizinisch besten Behandlung“. Dies hat oft auch eine schlechte Diabeteseinstellung zur Folge. Psychische Probleme liegen häufig versteckt vor und sind manchmal weder dem Patienten noch dem behandelnden Arzt bewusst. Arzt, Diabetesberaterinnen und -assistentinnen sowie Schwestern sollten Probleme in verständnisvoller Weise ansprechen. Häufig ist medizinisches Personal jedoch beim Erkennen derartiger Probleme und erst recht bei ihrer Behandlung überfordert. Hier sollte frühzeitig Kontakt zu einem Psychologen oder einem psychosomatisch erfahrenen Arzt hergestellt werden. Auch der Betroffene selbst, seine Familie und seine Freunde sollten sich nicht scheuen, nach dem Rat eines Psychologen zu fragen.

Für eine lebenswerte Zukunft aller Diabe-tespatienten ist eine enge, übergreifende Zusammenarbeit beider Fachbereiche – der Diabetologie und der Psychologie – wünschenswert: Die reguläre Eingliederung von Psychologen in Behandlung und Schulungsprogramme, die Mitarbeit im „Diabetesteam“ einer Klinik oder Praxis, die einen vertrauensvollen Kontakt vom ersten Kennen lernen des Patienten an ermöglicht, aber auch die Möglichkeit zu psychotherapeutischer Mit- und Weiterbehandlung, ist hierfür besonders wichtig.

Literatur bei den Verfassern
Dr. phil. Karena Leppert
Institut für Medizinische Psychologie
Friedrich-Schiller-Universität
D-07740 Jena
Telefon 03641/93 96 49
Telefax 03641/93 96 39
E-Mail karena.leppert@med.uni-jena.de

Dr. med Ralf Schiel
Klinik für Innere Medizin II
Friedrich-Schiller-Universität
D-07740 Jena
Telefon 03641/93 96 49
Telefax 03641/93 96 39
E-Mail ralf.schiel@med.uni-jena.de

ERSTE AUSGABE 2002

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