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Therapie | Portrait
DRITTE
AUSGABE 2001  Die Geschichte des Insulins
Meilensteine
in der abendländischen Geschichte des Diabetes mellitus
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Nobel-Preisträger August Krogh, Hans Christian Hagedorn und
August Kongsted gründen 1923 das Nordisk Insulin-Laboratorium |
In der letzten Ausgabe haben wir Ihnen ausführlich die Entdeckung und
erste Produktion von Insulin geschildert. In dieser zweiten und letzten Folge
zur Geschichte des Insulins geht es um die Weiterentwicklung und Veränderung
der Insulinarten und darum, was uns die Zukunft diesbezüglich bringen wird.
Teil 2
1923 hatte die Produktion von tierischem Insulin durch Extraktionen von Rinder-
und Schweine-Bauchspeicheldrüsen begonnen, um den Bedarf an Insulin zu
decken. In den darauffolgenden Jahren begann man, das Insulin durch Reinigungsschritte
von Begleitstoffen zu befreien, die zur Antikörperbildung geführt
hatten. Aus einem Kilogramm Pankreas (Bauchspeicheldrüse) konnte man so
bis zu 100 Milligramm Insulin gewinnen.
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Das Hvidore Hospital wird 1938 als Forschungsklinik für die Behandlung
und Prävention des Diabetes mellitus von Novo gegründet. |
Schmerzhafte Insulininjektionen
Der Nachteil dieser anfänglich hergestellten Insuline („Alt-Insuline“
oder „Normalinsuline“) war ihre kurze, nur wenige Stunden andauernde
Wirksamkeit nach der Injektion. Das Insulin musste daher mehrmals täglich
gespritzt werden. Das war damals eine unangenehme, schmerzhafte und umständliche
Prozedur, da die Nadeln sehr dick waren und nach jedem Gebrauch durch Auskochen
sterilisiert werden mussten.
Die Idee der Diabetesschulung
Bereits zu jener Zeit entdeckte der amerikanische Arzt Elliot P. Joslin die
Zusammenhänge zwischen der Nahrungsaufnahme, der Insulinzufuhr und der
„Muskelarbeit“, d.h. der körperlichen Arbeit. Er entwickelte
daraufhin seine These, Patienten in der Kontrolle ihres Diabetes-Stoffwechsels
zu schulen und über das Ergebnis der Harnzuckermessung die Therapie zu
korrigieren. Seine Idee legte den Grundstein zur heutigen, strukturierten Diabetesschulung.
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Spritze für die Insulingabe aus dem Jahr 1935, neben dem weltweit
ersten Insulin-Pen NovoPen®, mit dem das Basis-Bolus-Konzept bei der Insulintherapie
etabliert worden ist. |
Länger wirksame Insuline: strenge Diätvorgaben
Erst in den Jahren 1936/37 konnte die kurze Wirkdauer der Insuline so verändert
werden, dass sie als „Depot“-Insuline oder „Verzögerungsinsuline“
eine Langzeitwirkung erhielten. Damit war die Möglichkeit gegeben, die
Injektionen auf zwei Mal pro Tag herabzusetzen. Der Nachteil dabei war, dass
die strenge Vorgabe einer kohlenhydratreichen Kost in vorgeschriebenen Zeitintervallen
notwendig wurde, um Unterzuckerungen durch die hohen Insulinkonzentrationen
im Blut vorzubeugen.
Mischinsuline: längere Wirkungsdauer des Insulins ohne strikte Diät
Mindestens 40 Jahre sollte es noch dauern, bis diese strikte Diätform überwunden
wurde. Die Wirkungsdauer der Insuline konnte durch verschiedene Rezepturen verändert
werden. Dies geschah durch gezielte Zusätze von Protaminen, Zink oder Surfen®,
die das Insulin in seiner Löslichkeit herabsetzen. Sehr bekannt und bis
heute verbreitet sind z.B. die „NPH“-Insu-line (Neutral-Protamin-Hagedorn),
die eine Wirkdauer von acht bis zwölf, maximal 24 Stunden aufweisen. Durch
feste Mischungsverhältnisse von Normalinsulin mit NPH-Insulin lassen sich
dann die Mischinsuline (siehe Infokasten) mit unterschiedlichen Wirkprofilen
herstellen und damit auch unterschiedliche Therapieformen aufstellen.
Aufklärung der Insulinstruktur und Totalsynthese
Das erste reine, kristalline Insulin wurde 1926 von Abel hergestellt. Es dauerte
weitere 28 Jahre, bis der englische Biochemiker Frederick Sanger die Aminosäuresequenz
des Insulins aufklärte und für seine Leistung 1958 den Nobelpreis
erhielt. Von 1963 bis 1965 wurde von verschiedenen Arbeitsgruppen die chemische
Totalsynthese des humanen Insulins vorgenommen. Die endgültige Aufklärung
der räumlichen Anordnung des Insulinmoleküls verdanken wir der Engländerin
Dorothy Crowfoot-Hodgkin, die diese mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse
1969 aufklärte.
Das erste Humaninsulin
Das humane Insulin wurde erst verfügbar, nachdem es der Firma Novo Nordisk
als erster gelungen war, Insulin gentechnisch herzustellen. 1982 wurde das erste
Präparat in Deutschland eingeführt. Weitere Firmen folgten in der
Herstellung von gentechnisch produzierten Insulinen unter Verwendung von E-Coli-Bakterien
oder durch biosynthetische Umwandlungen des Schweineinsulins in humanes Insulin.
Am Ende dieser langen Reihe von Entwicklungen stehen die „analogen“
Insuline, d.h. gentechnologisch veränderte Insuline, deren Strukturen soweit
umgebaut worden sind, dass sie völlig neue Eigenschaften bekamen. So ist
das „Humalog“ ein Insulin, bei dem zwei Aminosäuren ausgetauscht
wurden. Dadurch wurde der Wirkungseintritt so stark verkürzt, dass direkt
zum Essen gespritzt werden kann. Die Wirkdauer endet nach ungefähr drei
Stunden, so dass Zwischenmahlzeiten zur Vermeidung einer Unterzuckerung in der
Regel nicht mehr erforderlich sind.
Die aktuellste Entwicklung: Analoge Insuline
Das „Humalog“ wurde 1996 zuerst von der Firma Lilly in Deutschland
eingeführt. 1999 folgte ein weiteres Insulin mit kurzem Wirkungseintritt,
„Novorapid“ von Novo Nordisk. Im letzten Jahr kam ein weiteres analoges
Insulin, „Lantus“ von Aventis, auf den Markt, das als erstes eine
gleichmäßige Langzeitwirkung von 24 Stunden aufweist und daher als
basales Insulin eingesetzt werden kann.
Inzwischen sind circa 90 verschiedene Insulinpräparate auf dem Markt erhältlich.
Noch muss jedes Insulin gespritzt werden. Es sind jedoch Entwicklungen und weltweit
Untersuchungen im Gange, Insuline auf dem Weg der Inhalation zu verabreichen.
Erste Ergebnisse sind ermutigend. Gehört die Spritze dann der Vergangenheit
an? Voraussichtlich nicht ganz, denn die inhalativen Insuline entsprechen dem
Wirkprofil von Normalinsulin, so dass Verzögerungsinsulin weiterhin gespritzt
werden müsste.
Einige Fakten über Insulin …
Insulin besteht chemisch aus zwei miteinander verbundenen Peptidketten, der
A- Kette mit 21 aneinander geknüpften Aminosäuren und der B-Kette
mit 30 verknüpften Aminosäuren. Die Insuline vom Menschen, vom Rind
und vom Schwein unterscheiden sich nur geringfügig in ihrer Aminosäuresequenz,
deshalb ist auch ihre biologische Wirksamkeit weitgehend identisch. Die Einstellung
der Aktivität der Insulinpräparate erfolgt unter staatlicher Kontrolle
durch Vergleich mit einem internationalen Insulinstandard (I.E.): 1 mg Insulin
eines internationalen Standards entspricht 24 I.E. Mischinsuline werden aus
passenden Normalinsulinen und langwirkenden Insulinen zusammengestellt. Bei
der Angabe des Mischungsverhältnisses wird die Prozentzahl des Normalinsulins
vorangestellt (z.B. 20/80, 30/70, 50/50).
Insulin wird im Blut sehr schnell in der Leber und in den Nieren abgebaut,
seine „Halbwertzeit“ beträgt weniger als zehn Minuten, d.h.
es verschwindet sehr schnell aus dem Blutkreislauf und muss ständig ergänzt
werden, um die Blutzuckerregulierung zu gewährleisten. Da Insulin aufgrund
seiner eiweißähnlichen Struktur im Verdauungstrakt abgebaut wird,
muss es gespritzt werden. Ein normalgewichtiger Erwachsener hat einen täglichen
Bedarf von ca. 40 bis 50 I.E. Die Wirkungen von Insulin sind vielfältig:
Es verbessert die Aufnahme der Glukose in den Zellen der meisten Gewebearten.
Es steigert den oxidativen Abbau der Glukose. Insulin erhöht die Glykogenbildung
(Speicherzucker) in der Leber und in den Muskeln und fördert die Bildung
von Eiweiß und Fett aus Glukose. Es fördert auch die Umwandlung freier
Fettsäuren in Depotfett (Triglyceride) und wirkt dem Fettabbau (Lipolyse)
entgegen.
DRITTE AUSGABE 2001 
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