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Diabetes+soziales | Titelthema
DRITTE
AUSGABE 2001  Diabetes bei Kindern und Jugendlichen
Eberhard Heinze
Der
jugendliche, insulinpflichtige Diabetes mellitus Typ-1 ist die häufigste
Form der Zuckerkrankheit im Kindes- und Jugendalter und gleichzeitig die häufigste
Hormonerkrankung dieser Altersgruppe. In Deutschland erkranken jeden Tag vier
Kinder unter 15 Jahren an Diabetes. Weltweit nahm in den Industrieländern
während der vergangenen zehn Jahre die Häufigkeit der Neuerkrankungen
jährlich um rund drei Prozent zu. In Baden-Württemberg, dem Bundesland
mit der zuverlässigsten Dokumentation der Neuerkrankungen, stieg die Erkrankungshäufigkeit
von 1987 bis 1999 um 46 Prozent an.
Anzeichen für Diabetes
Ein typisches Anzeichen für eine Diabeteserkrankung ist, wenn ein Kind
oder Jugendlicher plötzlich, das heißt innerhalb von wenigen Tagen
ungewöhnlich viel Durst hat, und übermäßig viel trinkt.
Das Kind beziehungsweise der Jugendliche steht dann auch nachts auf, um zu trinken
und zur Toilette zu gehen. Auffällig ist eine Gewichtsabnahme. Der Betroffene
ist nicht so fit wie gewohnt und leidet oft unter Konzentrationsproblemen. Ein
Arzt kann in der Regel durch Messung des Blutzuckers in kurzer Zeit die Diagnose
stellen und den Patienten zur Behandlung stationär in ein Kinderkrankenhaus
einweisen. Innerhalb weniger Tage gelingt es, den stark erhöhten Blutzuckerspiegel
dem Normalbereich anzugleichen. Die Dauer des Aufenthaltes im Krankenhaus richtet
sich zunächst nach dem Erfolg der Stoffwechselkontrolle. Wichtiger und
letztlich entscheidend für den Zeitpunkt der Entlassung ist die Fähigkeit
der Eltern und des Jugendlichen, mit dem Diabetes zu Hause umzugehen. Die Diagnose
„Diabetes“ ist in der Regel besonders auch für die Eltern ein
Schock.
Diagnose: „Diabetes“
Sie sind in den ersten Tagen kaum in der Lage, der Schulung konzentriert zu
folgen, um die nötigen praktischen Fähigkeiten zur Behandlung ihres
Kindes zu erlernen. Während der Schulung erleben sie in den folgenden Tagen
durch praktische Anschauung, dass man den Diabetes gut behandeln kann und sowohl
Blutzucker-Selbstkontrolle als auch Insulininjektionen dank moderner Hilfsmittel
und -methoden beinahe schmerzfrei und gut in den Alltag zu integrieren sind.
Sie bemerken, dass die zukünftigen Einschränkungen im Leben Ihres
Kindes in Ihrer Vorstellung weitaus größer waren, als sie es tatsächlich
sind.
Insulin-Therapie
Die Therapie des Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ist individuell. Ohne
Ausnahme benötigen Kinder zur Behandlung ihrer Erkrankung Insulin. Die
Anzahl der Injektionen pro Tag richtet sich unter anderem nach dem Alter des
Kindes. Vor dem zehnten Lebensjahr kann zunächst versucht werden, die Behandlung
mit zwei täglichen Injektionen zu beginnen. Bei älteren Kindern und
Jugendlichen ist es angebracht, morgens, mittags und abends vor den Hauptmahlzeiten
eine individuelle Mischung aus einem schnellwirkenden Normalinsulin und einem
Verzögerungsinsulin zu injizieren. Die gemessenen Blutzuckerwerte entscheiden,
welche Form der Therapie für das Kind beziehungsweise den Jugendlichen
geeignet ist, um dauerhaft einen ausgeglichenen Stoffwechsel zu erzielen. Die
Anzahl der täglichen Insulininjektionen charakterisiert nicht zwingend
die Qualität der durchgeführten Therapie.
Essen und Trinken: die „Diät“
In der Ernährung des Kindes oder des Jugendlichen mit Diabetes traten in
den vergangenen Jahren erhebliche positive Änderungen ein. Für die
Betroffenen gelten die Grundsätze einer gesunden Ernährung: Sie sollte
kohlenhydratreich und fettreduziert sein. Wie bei Kindern mit einem gesunden
Stoffwechsel ist Zucker nicht generell verboten. Bis zu zehn Prozent der Gesamtkalorien
eines Tages können als Zucker konsumiert werden, der vorzugsweise „verpackt“,
das heißt, beispielsweise in Kuchen oder Milcheis, die auch Fett enthalten,
gegessen werden sollte.
Generell stellt sich die Frage, ob noch irgendwelche Einschränkungen in
der Ernährung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes bestehen. Hierzu
lässt sich festhalten, dass auch heute noch auf die Menge der einzelnen
Nahrungsmittel bei den Mahlzeiten geachtet werden muss. Nach der Menge der Kohlenhydrate,
die z.B. als BE (Broteinheit) abgeschätzt werden können, richtet sich
die Dosis des zu injizierenden Insulins. Da besonders Jugendliche mit guten
Blutzucker- und HbA1c-Werten, den anzustrebenden Zielen einer modernen Diabetestherapie,
eine Tendenz zum Übergewicht zeigen, sind die Gesamtkalorien in der Ernährung
zu beachten. Man könnte die eingangs gestellte Frage nach den Einschränkungen
in der Ernährung auch dahingehend beantworten, dass Kinder und Jugendliche
mit Diabetes alles essen können, dies aber bewusst und maßvoll, wie
alle Menschen, die auf eine gesunde Ernährung achten.
Sport ist bestimmt kein Mord
Zurück zum Übergewicht. Die tägliche Kalorienaufnahme ist ein
wesentlicher Faktor, der das Körpergewicht bestimmt. In Bezug auf die Regulation
des Körpergewichtes hat körperliche Bewegung und insbesondere Sport
den gleichen Stellenwert wie Essen und Trinken. So haben praktisch alle vermeintlichen
Reduktionsdiäten kaum zur angestrebten dauerhaften Normalisierung des Körpergewichtes
geführt, denn ohne Sport wird dieses Ziel nicht zu erreichen sein. Wie
oft Sport zu empfehlen ist, wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO, treffend
formuliert, nämlich „die meisten Tage der Woche“. Diese Tatsache
sollte genutzt werden, um den natürlichen Bewegungsdrang von Jugendlichen
zu aktivieren und zu stärken. Übrigens: Übergewicht kann gleichermaßen
bei Jungen und Mädchen und zwar verstärkt in der Pubertät auftreten.
Diabetes und jugendliches Selbstwertgefühl
Die Folgen von Übergewicht wie z.B. erhöhter Blutdruck interessieren
die Jugendlichen nicht. Sie beschäftigt vielmehr ihre Körperwahrnehmung,
das „Body Image“, das unmittelbare und tägliche Auswirkungen
auf ihr Selbstwertgefühl hat. Zu dem Problem des Selbstwertgefühls
liegen ausgewogene Untersuchungen vor, die zeigen, dass „Body Image“
und die Qualität der Stoffwechselkontrolle bei Jugendlichen mit Diabetes
eng zusammenhängen: War der HbA1c-Wert hoch, schätzten sich die Jugendlichen
als hässlich, plump und unsportlich ein. Offensichtlich geht eine schlechte
Stoffwechseleinstellung auch mit einer negativeren Körperwahrnehmung einher.
Für die Jugendlichen gilt es, die dargestellten Zusammenhänge zu nutzen.
Die Aufgabe eines Diabetesteams besteht darin, gemeinsam mit den Patienten und
deren Eltern die in der Schulung vermittelten Inhalte im Alltag der Jugendlichen
umzusetzen. Das Normalgewicht zu erhalten, das bei Krankheitsbeginn besteht,
stellt dabei ein Ziel dar.
Unabhängigkeit von der Familie
Mit zunehmendem Alter nehmen sich Jugendliche vermehrt als eigenständige
Menschen wahr. Sie streben Unabhängigkeit von der Familie an, die wünschens-
und unterstützenswert ist. Sie wollen und müssen vermehrt Verantwortung
übernehmen. Die Meinung von Freunden der Clique hat größeres
Gewicht als die Meinung der Eltern. Konflikte, die sich nur unerheblich von
den Konflikten gesunder Jugendlicher unterscheiden, sind vorprogrammiert. Die
Qualität der Stoffwechselkontrolle kann, aber muss sich nicht verschlechtern.
Der HbA1c-Wert kann im Vergleich zu der Zeit vor der Pubertät um durchschnittlich
ein Prozent ansteigen. Da „Body Image“ und Selbstwertgefühl
im Leben der Jugendlichen eine so große Rolle spielen, ist es nicht verwunderlich,
dass es Phasen gibt, in denen die Jugendlichen den Diabetes verleugnen und die
erlernten Therapieschritte nicht immer durchführen.
Wo bleibt die Therapie?
Mahlzeiten und Insulininjektionen werden ausgelassen und Blutzuckerwerte geschönt
aufgeschrieben, so dass die dokumentierten guten Werte nicht mit den schlechten
HbA1c-Werten übereinstimmen. Der vermehrte, verständnisvolle und geduldige
Einsatz des Diabetesteams ist gefordert, um die Jugendlichen bei der Überwindung
dieser Phase zu unterstützen. Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen auch
weiterhin verantwortungsbewusst mit ihrem Diabetes umgehen und dabei eine unbeschwerte
und gesunde psychische wie körperliche Entwicklung durchleben.
Kontakt
Prof. Dr. med. E. Heinze
Univ. Kinderklinik
Prittwitzstraße 43
89075 Ulm
DRITTE AUSGABE 2001 
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