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Diabetes+soziales | Titelthema
DRITTE
AUSGABE 2001  Mit Diabetes außen vor?
Christian Weiß
Diabetes und Beruf – wie lässt sich der Arbeitsalltag am besten
meistern?
Die Diagnose „Diabetes“ bedeutet für viele Betroffene eine
umfassende Umstellung ihres bisherigen Lebens. Davon betroffen ist auch die
Situation am Arbeitsplatz. „Welche Auswirkungen hat der Diabetes auf meine
Berufstätigkeit? Wie reagieren die Kollegen und Vorgesetzten? Soll ich
anstreben, als Schwerbehinderter anerkannt zu werden?“ Diese und andere
Fragen beschäftigen den soeben diagnostizierten Diabetes-Patienten. Wie
unterschiedlich Betroffene und Außenstehende mit dem Thema Diabetes umgehen
und welche Probleme auftreten können, berichten einige Patienten von Dr.
Christian Weiß, Internist, Diabetologe DDG.
Zittern bei der Arbeitssuche
Welche Probleme bei der Arbeitsplatzvermittlung auftreten können, musste
die 36-jährige Sonja K.*, seit dem achten Lebensjahr Typ 1-Diabetikerin,
schmerzlich erfahren. Nach Abschluss der mittleren Reife wollte sie gerne eine
Tätigkeit als Arzthelferin, Logopädin oder Kindergärtnerin erlernen.
In der Berufsberatung teilte ihr das Arbeitsamt mit, ihr Berufswunsch sei unrealistisch
für eine Diabetikerin und schlug ihr als Alternative eine Bürotätigkeit
am Bildschirm vor, die ihr jedoch überhaupt nicht liegt. Das Arbeitsamt
und später auch das Sozialamt stufen sie als schwerbehindert ein, sie selbst
hat dazu eine ganz andere Meinung. Beide Instanzen kommen schließlich
zur Ansicht, sie wolle sich nicht vermitteln lassen. Es folgen Bescheide und
Aufhebungsbescheide, psychologische Beratung, arbeitsmedizinische Untersuchungen,
Gerichtsverfahren gegen Arbeitsamt, Sozialamt und BfA. Gleichzeitig lebt Frau
K. am Existenzminimum bei immer wieder ausbleibenden Zahlungen. Dann endlich
der erste Lichtblick: Das Bundessozialgericht hob die bisherigen Urteile auf
und wies es an die Vorinstanz zurück.
Zu diesem Fall informierte uns Dr. Irene Hohage, Arbeitsamtsärztin in Konstanz
am Bodensee, über einen gerade neu erschienenen Leitfaden der BfA (Bundesversichertenanstalt
für Angestellte) für arbeitsmedizinische Gutachten. Hierin heißt
es, dass bei Diabetikern mit guter Stoffwechseleinstellung eine meist vollschichtige
Leistungsfähigkeit bestehe. Entsprechend wird sie nun anhand der Tagebuchaufzeichnungen
von Frau K. die Qualität ihrer Einstellung, ihre Zuverlässigkeit und
Eigenverantwortlichkeit sowie ihre psychische Situation überprüfen.
Wichtig ist vor allem eine gute Schulung. Danach ist eine Vermittlung heute
meist unproblematisch.
Offen mit dem Diabetes umgehen
Ganz andere Erfahrungen hat der 49-jährige Bernd F.* gemacht. Er verzichtete
bewusst auf eine mögliche Gleichstellung mit Schwerbehinderten –
bei anerkannter 30 Prozent GdB (Grad der Behinderung) –, da sein Arbeitgeber
bei der Manifestation seines Diabetes vor 15 Jahren seinen Arbeitsplatz komplett
umgestaltet hat. Als „Degustierer“ (Entwickler von Lebensmitteln)
für Molkereien prüfte er statt der vorher „süßen
Linie“ nun die „würzige Schiene“ mit Kräutern und
Gemüsezubereitungen. So konnte das Testen der Zusammensetzungen mit 5 –
8 BE auf 1 – 2 BE reduziert werden. Möglich war dies jedoch nur dank
der intensivierten Insulintherapie, die Herr F. seit drei Jahren praktiziert.
Seine Kollegen akzeptieren die betriebliche Umstellung. Er machte die Erfahrung,
dass Blutzuckermessen und Spritzen umso unproblematischer sind, je offener er
damit umgeht. „Ich habe mich mit meinem Diabetes eingerichtet,“
stellt er diesbezüglich fest. Als Betriebsrat und Schwerbehindertenvertreter
kümmert er sich um die Sorgen der 185 Beschäftigten und versucht zu
helfen, wenn ein Schwerbehinderter Probleme hat. Und er weiß, wie ein
Gleichstellungsantrag beim Arbeitsamt gestellt werden muss. Sein größter
Wunsch: die Entwicklung eines speziellen Produktes für die Zwischenmahlzeiten
als „5-er Pack“.
Mit sich selbst ehrlich umgehen
Für Lars H.* stand als selbständiger Softwareentwickler immer die
Arbeit an erster Stelle. Leistungsabfall, Konzentrationsschwierigkeiten oder
Müdigkeit begegnete er mit höherer persönlicher Anforderung.
Nach dem Essen war es oft besonders schlimm. Nachdem er von Bekannten bei der
Schilderung seiner Beschwerden – ständiger Durst, häufiger Harndrang
sowie Gewichtsverlust – auf die Möglichkeit einer Zuckererkrankung
hingewiesen worden war, stellte er sich schließlich der Diagnose: ein
Blutzuckerspiegel von 450 mg/dl (25 mmol/L) und ein HbA1c-Wert von 13,5 Prozent.
Rückblickend meint Herr H., dass es wohl in den letzten fünf Jahren
immer wieder zu Blutzuckerentgleisungen gekommen war. Bereits nach der ersten
Spritze verbesserten sich Konzentrations- und Sehfähigkeit drastisch. Heute
ist er froh, dass sein Blutzucker dank einer intensivierten Insulintherapie
stabil eingestellt ist. Er freut sich am Essen und an sportlichen Aktivitäten
und nimmt dafür gerne häufige Blutzuckerselbstkontrollen und die hilfreichen
Insulininjektionen in Kauf. Ergebnis: ein HbA1c-Wert von 5,2 Prozent. Nur die
während der Blutzuckerentgleisung entwickelte Software läuft immer
noch nicht, denn seine Selbständigkeit hat Herr H. mittlerweile aufgegeben.
Ganz wichtig für sein Berufsleben war für ihn von Anfang an, zu akzeptieren,
dass er sich dem Diabetes nicht entziehen kann und deswegen sehr offen damit
umgehen sollte: „Ich bin doch kein ‘Junkie’, der sich verstecken
muss.“ „Alles okay mit dem Diabetes?“ fragt ihn jetzt sein
Chef, der deshalb auch genauso offen und interessiert auf seinen Mitarbeiter
zugeht.
Bewusst mit dem Diabetes leben
Richard M.* kann als leidenschaftlicher Radfahrer sein Hobby teilweise mit seinem
Beruf als Vollstreckungsbeamter der Stadt Konstanz verbinden. Seit 15 Jahren
hat er Diabetes, seit vier Jahren ist er insulinpflichtig. Das Wissen über
die Erkrankung hat er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau im Selbststudium erarbeitet,
erst in der Nachtklinik in Berlin erfolgte dann eine reguläre Schulung
im Rahmen der Insulineinstellung. Herr M. war sich stets der positiven Wirkung
von körperlicher Aktivität bewusst. So entscheidet er sich beispielsweise
stets für die Benutzung der Treppe anstatt des Aufzugs, für seine
Tätigkeit im Außendienst benutzt er das Fahrrad. Stillsitzen gibt
es nicht. Im Winter störte ihn die viele Kleidung beim Spritzen: ausziehen
– spritzen – alles wieder anziehen. Seit Anfang des Jahres ist auch
dieses Problem gelöst: Herr M. ist glücklicher Pumpenträger.
Er möchte seine Erfahrungen an andere Menschen mit Diabetes weitergeben
und engagiert sich in seiner Freizeit im Diabetes Forum Konstanz als 2. Vorsitzender,
organisiert Kegelabende und Fahrradtouren.
Aufklärung der Öffentlichkeit ist wichtig
Eine bessere Akzeptanz der Situation der Diabetiker in der Öffentlichkeit
und im Arbeitsumfeld sieht Stefan S.*, seit zwölf Jahren Typ 1-Diabetiker.
Früher wussten nur sehr wenige Menschen etwas über Diabetes, die Mehrheit
hatte falsche Vorstellungen. Auch der Betroffene selbst wollte möglichst
nicht auffallen: „Heute habe ich das Gefühl, locker damit umgehen
zu können – auch am Arbeitsplatz.“ Nach einer schweren Unterzuckerung
vor zwei Jahren konnte er die unterschiedlichsten Reaktionen von Unverständnis
bei seinem Chef bis zu unkompliziertem Umgang damit bei den Kollegen beobachten.
Die Aufklärung sei heute schon viel besser, man fühle sich nicht mehr
als am Rande oder gar außerhalb der Gesellschaft stehend, die spezifischen
Bedürfnisse eines Diabetikers – speziell am Arbeitsplatz –
werden akzeptiert. Wichtig ist für ihn z.B. ein sauberer Arbeitsplatz wegen
der Blutzuckermessung und der Insulin- Injektionen. Auch muss die Möglichkeit
gegeben sein, eine Zwischenmahlzeit einzunehmen.
Diese Beispiele zeigen, dass Menschen mit Diabetes heute ein fast normales,
das heißt uneingeschränktes Leben auch in Bezug auf Arbeit und Beruf
führen können. Durch die ausgereiften Therapie- und Kontrollmöglichkeiten,
die zu einer guten Stoffwechseleinstellung führen, kann fast jeder Beruf
ausgeübt werden. Dies spiegelt sich auch in neuen Leitfäden, medizinischen
Gutachten und in der Lockerung von ehemaligen Verboten wider, wie z.B. des Führerscheins
Klasse C, D und E. Es wird auch deutlich, wie wichtig hierfür eine gute
Schulung sowie eine hohe Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen ist. Zur weiteren
Verbesserung der Situation von Menschen mit Diabetes ist eine breite Information
der Öffentlichkeit, insbesondere auch von Arbeitgebern und Vorgesetzten
erforderlich. Hierfür kann auch der Betroffene selbst durch einen möglichst
offenen und selbstbewussten Umgang mit seinem Diabetes die Weichen stellen.
Kontakt
Dr. Christian Weiß
Internist,
Diabetologe DDG
Adresse auf Nachfrage bei der Redaktion
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